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am 23. August 2016

"Reparieren statt wegwerfen": Sepp Eisenriegler im Interview

Die Redaktion - Im R.U.S.Z. wird repariert, was ansonsten verschrottet oder verbrannt wird: Sepp Eisenriegler, Gründer der Wiener Reparaturwerkstatt, im Interview über geplanten Verschleiß und was man dagegen tun kann.

Waschmaschinen, Röhrenradios, Fernseher, Drucker: Auf 1.600 Quadratmeter stapeln sich unzählige Elektrogeräte aus den letzten Jahrzehnten. Doch im R.U.S.Z. Reparaturzentrum im 14. Wiener Gemeindebezirk wird nichts verschrottet, sondern repariert. Für Gründer und Betreiber Sepp Eisenriegler ist das Reparieren der oft nur scheinbar irreparablen Geräte jedoch mehr als nur eine Dienstleistung – es ist eine Weltanschauung. 

41,8 Millionen Tonnen Elektroschrott ...

... werden weltweit pro Jahr produziert. Doch es könnten wesentlich weniger sein, wäre da nicht die profit- und wachstumsorientierte Wirtschaft, die nach dem Motto "wegwerfen und neu kaufen" VerbaucherInnen schon viel zu früh zu kostspieligen wie umweltbelastenden Neuanschaffungen nötigt. Dagegen wollen Eisenriegler und die 22 MitarbeiterInnen des Wiener Reparaturzentrums ein Zeichen setzen. Eine Haltung, die der ehemalige Gymnasiallehrer auch in Brüssel vertritt, etwa wenn er Vorträge zum Thema Nachhaltigkeit und geplante Obsoleszenz hält ​– dem geplanten Verschleiß von Produkten, die bereits vom Hersteller mit Mängeln ausgestattet werden, damit sie schneller kaputt gehen.

Unsere Umweltsprecherin Christiane Brunner hat Sepp Eisenriegler im R.U.S.Z. besucht und mit ihm ein Interview geführt.


​Das IntervieW

Christiane Brunner und Sepp Eisenriegler vom Reparaturzentrum RUSZ.
Christiane Brunner und Sepp Eisenriegler vor dem Wiener R.U.S.Z.
sepp eisenriegler, Was ist das Besondere am R.U.S.Z.?

Eisenriegler: Das Besondere an unserem Reparaturzentrum war schon immer die Verknüpfung ökologischer mit arbeitsmarktpolitischen Notwendigkeiten. Wir waren schon immer ein nachhaltiger Betrieb und haben für die personalintensive Nutzungsdauerverlängerung, insbesondere Reparatur, von Elektrogeräten gesorgt. Bereits vor knapp 20 Jahren haben wir die Produktion von guten Second-Life-Geräten aufgenommen. Ein langvorbereitetes Konzept, das die ökologische und die arbeitspolitische Seite verknüpft, ist die Circular Economy, zu deren Umsetzung das R.U.S.Z eine bedeutende Rolle auf der EU-Ebene spielt.

Christiane Brunner und Sepp Eisenriegler vom Reparaturzentrum RUSZ.
Abteilung alte Waschmaschinen im Wiener Reparaturzentrum
Alleine in Wien gibt es hunderte Autowerkstätten, aber nur wenig Reparaturbetriebe für Elektrogeräte. Warum ist das so?

Weil wir dem Fetisch Auto seine jährlichen Überprüfungen nach Paragraph 57a zugestehen. Aber nicht auf die Idee kommen, unsere Waschmaschine, den Kaffeevollautomat oder den Geschirrspüler servicieren zu lassen. Für unser Auto nehmen wir Kosten in Kauf, die wir in anderen Produktgruppen nie bereit sind zu zahlen. Außerdem haben Autowerkstätten eine andere Lobbyingmacht als wir Reparaturbetriebe. So ist es den Autowerkstätten bereits gelungen, markenübergreifende Diagnose-Softwaretools von den Herstellern zu erhalten. Davon sind die Waschmaschinen-Reparateure noch weit entfernt. Die Autowerkstätten haben sich von den Herstellern unabhängig machen können. Die Service-Partner für Elektrogerätehersteller hingegen unterliegen weiterhin Knebelverträgen, was dazu führt, dass an sich wirtschaftlich sinnvolle Reparaturen nicht durchgeführt werden, weil pro Garantiereparatur eine zu geringe Reparatur-Pauschale von Seiten der Hersteller gezahlt wird.

Christiane Brunner und Sepp Eisenriegler vom Reparaturzentrum RUSZ.
Für die einen ist es Schrott, für Sepp Eisenriegler ein funktionstüchtiges Gerät mit Geschichte
Ihr repariert viele ineffiziente alte Elektrogeräte. Wäre es nicht besser, wenn wir unsere alten Handys, Waschmaschinen, Laptops oder Kaffeemaschinen recyceln würden, als diese Energiefresser weiter in Betrieb zu halten?

Nein, das wäre nicht besser. Rund 55 Prozent aller Umweltbelastungen im Leben von Elektrogeräten entsteht durch deren Produktion und Distribution. Jüngste Ergebnisse einer Untersuchung durch europäische Konsumentenschutz-Organisationen zeigen, dass das tatsächliche Einsparungspotential zum Beispiel beim Wäschewaschen selbst bei den energieeffizientesten Geräten nur eine Einsparung von 1,50 Euro jährlich mit sich bringt. Die Energieeffizienzkennzeichnung hat mit der Realität überhaupt nichts zu tun. Dem Label liegt nur ein Programm zugrunde, dass die versprochenen Einsparungen erreicht, alle anderen Programme verbrauchen genauso viel Energie wie noch in der alten Waschmaschine. Die Fernseher mit diesen Labeln müsste man so dunkel einstellen, dass sich kaum noch etwas erkennen lässt und die Kühlschränke dürfte man nicht befüllen und nie öffnen.

„Wir brauchen nicht nur eine „Maschinensteuer“, sondern eine umfassende ökosoziale Steuerreform.“
Sepp Eisenriegler
In den meisten Fällen ist es viel billiger, sich ein neues Gerät zu kaufen als es reparieren zu lassen. Warum ist das so?

Das sind die externen Effekte. Tatsächlich ist es so, dass die Preise für Neugeräte weder die ökologische noch die soziale Wahrheit sprechen. Es kann doch nicht sein, dass profitorientierte, internationale Konsortien in den Ländern des Südens Rohstoffe ausbeuten, die dann unter nochmaliger Ausbeutung von Arbeitskräften in den Schwellenländern zu Produkten verarbeiten werden, die wir im Norden billig kaufen, entsprechend wenig wertschätzen und schnell wieder wegschmeißen. Wenn man diese externalisierten Kosten in den Produktpreis einrechnen würde, wären seriöse Reparaturdienstleistungen im Verhältnis günstiger. Derzeit ist es so, dass die Lohnnebenkosten Reparaturdienstleistungen teuer machen. Ein Servicetechniker des R.U.S.Z, der 1.800 Euro netto verdient, kostet das Unternehmen tatsächlich 3.500 Euro.

Christiane Brunner und Sepp Eisenriegler vom Reparaturzentrum RUSZ.
Geht nicht, gibt's nicht: Im R.U.S.Z. wird fast alles repariert
In einer aktuellen Studie des deutschen Ökoinstituts konnte der geplante Verschleiß als Strategie von Unternehmen nicht nachgewiesen werden. Die Lebensdauer vieler Produkte habe sich zwar verkürzt, das sei aber weniger schlimm als von Kritikern angenommen. Viele KonsumentI_nnen würden darüber hinaus freiwillig neue Produkte kaufen, bevor die alten den Geist aufgeben. Deckt sich das mit den Erfahrungen aus der Praxis?

Nein. Wir im R.U.S.Z erleben mehrmals täglich, dass Elektrogeräte aufgrund von Konstruktionsmerkmalen oder fehlender Ersatzteilverfügbarkeit schon nach wenigen Jahren nicht mehr wirtschaftlich repariert werden können. Tatsächlich ist es so, dass das deutsche Ökoinstitut und die Universität Bonn in der Obsoleszenzstudie gar nicht nach geplantem Verschleiß gesucht haben. In der Studie ist auf Seite 33 zu lesen: „Den Vorwurf vollständig zu be- oder widerlegen, dass Hersteller bestimmte Bauteile bewusst so auslegen, dass sie nach einer vorher definierten Zeit aufgrund eines Defektes ausfallen, um Verbraucherinnen und Verbraucher zu Neukäufen zu zwingen, war nicht die Primärzielsetzung dieser Studie.“

Welchen Grund haben Unternehmen, ihre Produkte absichtlich schlechter zu machen? Haben sie dann keinen Nachteil gegenüber anderen Produkten, die länger halten und besser zu reparieren sind?

In unserem wachstumsgetriebenen Wirtschaftssystem haben Produktionsunternehmen auf gesättigten Märkten ein Problem. Wie soll die Managerin oder der Manager eines internationalen Waschmaschinenherstellers seinen vertraglichen Verpflichtungen nachkommen, die Umsätze/Profite in drei Jahren um 15 Prozent zu steigern, wenn jeder Haushalt bereits über eine Waschmaschine verfügt? Eine Möglichkeit ist, die Produktnutzungsdauer zu verkürzen. Unsere Waschmaschinen- und Staubsaugertests nach der österreichischen Norm zur Feststellung von Langlebigkeit und reparaturfreundlichem Design haben ergeben, dass die derzeit am Markt befindlichen Produkte schlechter sind als ihre eigenen Vorgängermodelle. Damit gibt es keinen Nachteil für einzelne Hersteller, weil alle diesem Wegwerftrend folgen.

Sepp Eisenriegler vom Reparaturzentrum RUSZ
Meist ist nur ein kleiner Microchip Schuld, wenn ein elektronisches Gerät plötzlich den Geist aufgibt
Dein Rat an Konsumentinnen und Konsument_innen?

Aufgrund unserer Tests müssen wir leider feststellen, dass die Faustregel, je teurer desto langlebiger, nicht mehr in dem Maße gültig ist, wie noch vor fünf Jahren. Die einfachste Lösung zur Feststellung von Langlebigkeit für Konsumentinnen ist die Frage nach der Ersatzteilverfügbarkeit. Die gibt am ehesten Auskunft über die zu erwartende Nutzungsdauer. Für Waschmaschinen gilt: Miele hat die Ersatzteilverfügbarkeit von 20 auf 15 Jahre reduziert, Bosch und Siemens liegen bei 10 Jahren.

Auf EU Ebene wird derzeit das so genannte Kreislaufwirtschaftspaket diskutiert. Es soll ja laut EU-Kommission darum gehen, die EU von einer Wegwerfgesellschaft in eine Kreislaufwirtschaft zu transformieren. Werden die Vorschläge der EU Kommission diesem Vorhaben gerecht?

Im Prinzip ja. Die EU-Kommission hat einen ambitionierten Aktionsplan vorgelegt, der durch Stellungnahmen von wesentlichen Interessensgruppen wie EU-Parlament, europäischem Wirtschafts- und Sozialausschuss und diversen Umwelt-NGOs, noch verbessert wird. Vor Kurzem wurden die Schlussfolgerungen des EU-Ministerrats zur Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft veröffentlicht, die mich optimistisch stimmen, dass wir 2020 die ersten spürbaren Effekte am Markt wahrnehmen werden und zwar eine Trendumkehr weg von Wegwerfprodukten hin zu langlebigen, reparaturfreundlich konstruierten, wiederverwendbaren Produkten.

Was wären Deiner Meinung nach die wichtigsten Maßnahmen?

Aus meiner Sicht wären die wichtigsten Maßnahmen:

  • Faire Preise für Neuprodukte (Besteuerung von Ressourcenverbrauch und Entlastung menschlicher Arbeit).
  • Langlebige, reparaturfreundlich konstruierte Produkte, Reparieren als Mainstream und Schaffung von weiteren Nutzungszyklen (Vorbereitung zur Wiederverwendung).
  • Ermächtigung zur Selbstreparatur und Unterstützung von Reparaturinitiativen (Maker Szene).
  • Bewusstseinsbildung gegen psychologische Obsoleszenz, die die Wiedererlangung der Mündigkeit von Konsumentinnen und Konsumenten zum Ziel hat.
  • Neue Konsummodelle nach dem Motto „Nutzen statt Kaufen“ (Product Service Systems), „geteilte Nutzung“ (Sharing Economy) und gemeinsame Nutzung des öffentlichen Raumes (Transition Towns).
Christiane Brunner und Sepp Eisenriegler vom Reparaturzentrum RUSZ.
Deine Forderung an die Politik?

Wir brauchen nicht nur eine „Maschinensteuer“, sondern eine umfassende ökosoziale Steuerreform.Bis zum Inkrafttreten derselben könnte rasch die Reduktion der Mehrwertsteuer für personalintensive Reparaturdienstleister und Second-Life-Produkte durchgesetzt werden. Weiters fordere ich:

  • Zurückdrängen des Einflusses konservativer Industrielobbyisten in den spezifischen Gremien (zum Beispiel in der Joint-Working-Group 10 der europäischen Normungsorganisation CEN-CENELEC „Energy-related products – Material Efficiency Aspects for Ecodesign“).
  • Verhindern monopolistischer Tendenzen von Herstellern im Hinblick auf die Reparatur ihrer Produkte. Wenn Hersteller unabhängigen Reparaturwerkstätten keinen Zugang zu ihrer Gerätesoftware erlauben, wird die Reparatur für Konsumentinnen und Konsumenten teurer. So wie bei den unabhängigen Autoreparaturwerkstätten muss es einen (Gratis-) Zugang zur Gerätesoftware bei Elektrogeräten geben.
  • Verpflichtende Angabe der Produktnutzungsdauer auf dem Energieeffizienzlabel in Jahren, Betriebsstunden oder Waschzyklen. Die Angabe kann auch null sein. Jedenfalls können Konsumentinnen und Konsumenten so beim Kauf entscheiden, ob sie langlebige Produkte Wegwerfprodukten vorziehen wollen.
  • Verpflichtende Garantie statt Gewährleistung mit Beweislastumkehr. Hersteller von langlebigen, reparaturfreundlich konstruierten Produkten können es sich leisten, mehrere Jahre eine Vollgarantie anzubieten und gewinnen mit der verpflichtenden Garantie Marktanteile gegenüber den Produzenten von Wegwerfprodukten, die wiederum einen Anreiz erhalten, ihre Produkte zu verbessern.

Sepp Eisenriegler, vielen Dank für das Interview.

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