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am 3. März

Mikroplastik aus der Waschmaschine

Christiane Brunner - Plastikmüll verseucht die Weltmeere und ist eine Gefahr für Mensch und Tier. Aber was ist mit Plastik in unserer Kleidung und Nahrung? Wir haben Synthetikkleidung auf Mikroplastik testen lassen – mit beunruhigendem Ergebnis.

Plastik verschmutzt die Umwelt, Flüsse und Meere. So sehr, dass im Pazifischen Ozean sogar ein „siebter Kontinent“ existiert: Ein Kontinent aus Müll. Denn weltweit landen bis zu 12,2 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen – mehr, als die jährliche Fisch-Fangmenge der USA und Japan zusammen ausmacht. Diese beträgt etwas mehr als 8 Millionen Tonnen. Der Großteil des Plastikmülls wird über die Flüsse ins Meer gespült, allein in der Donau jeden Tag über 4 Tonnen Plastik direkt ins Schwarze Meer. Aber Plastikmüll ist leider nur das sichtbare Problem.

Kleidung aus 100 Prozent Polyester.

UNSICHTBARE GEFAHR

Was aber ist mit Plastik, das man mit bloßem Auge kaum erkennen kann? Die Rede ist von Mikroplastik, das spätestens seit dem Borealis-Skandal in Österreich 2014 in den Schlagzeilen ist. Schätzungen zufolge landen jedes Jahr bis zu 950.000 Tonnen Mikroplastik in den Ozeanen. Und damit auf unseren Tellern, denn viele Meereslebewesen verwechseln Mikroplastik mit Nahrung – mit unabschätzbaren Folgen. Allein bei Austern wurde durch den Einfluss von Mikroplastik ein Rückgang der Fruchtbarkeit um 40% festgestellt. 

Mikroplastik wurde zudem in sämtlichen Speisefischen nachgewiesen. Die Folgen für den Menschen sind jedoch noch nicht ausreichend erforscht. Eine Studie aus dem Jahr 2014 schätzt, dass durchschnittliche KonsumentInnen von europäischen Meeresfrüchten bis zu 11.000 Mikroplastikpartikel pro Jahr zu sich nimmt.

MIKROPLASTIK IN UNSERER KLEIDUNG

Mehr als die Hälfte aller weltweit produzierten Textilfasern sind heutzutage aus Kunststoff. Sie zählen in Europa mit etwa 30.000 Tonnen pro Jahr zu den größten Quellen der Mikroplastik-Verschmutzung. Da haben wir uns natürlich gefragt, wieviel (Mikro)Plastik wohl in unserer Kleidung steckt und wie hoch die schädlichen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sind. Um das zu klären, haben wir das Umweltbundesamt beauftragt, neu gekaufte Kleidung aus synthetischen Fasern, wie etwa Polyester zu waschen und das Abwasser auf Mikropartikel zu untersuchen. 

DER TEST

Mit einer handelsüblichen Waschmaschine hat das Umweltbundesamt neue Kleidungsstücke aus synthetischen Fasern gewaschen. Dabei wurde die Waschmaschine mit 2,8 kg unterschiedlicher snthetischer Textilien wie Pullover, Hose oder Socken beladen. Die Kleidung wurde dann im Schonwaschgang bei 30 Grad und 800 Umdrehungen pro Minute gewaschen. Pro Waschgang wurde ein halber Messbecher flüssiges Waschmittel verwendet.

DAS WURDE GETESTET:

Getestet wurde ausschließlich Kleidung aus Synthetik verschiedener Markenanbieter und Modeketten, darunter kurze und lange Hosen, Socken, eine Weste, T-Shirts, Tanktop, Fußballtrikot, Jacke und Strumpfhose. Zusammengesetzt waren die Textilien hauptsächlich aus Polyester, Nylon, Elastan und/oder Spandex. Die Farbpalette der Kleidung reichte von Schwarz über Dunkelblau, Grün, Violett bis hin zu Rot, Limettengrün und Altrosa.

DAS ERGEBNIS

In unserem Versuch wurde ein Wäschekorb mit 2,8 Kilogramm synthetischer Kleidungsstücke im Schonwaschgang ein mal gewaschen.

  • 51 Milligramm Kunststoffpartikel wurden dabei insgesamt herausgewaschen. 
  • Das sind 460.000 einzelne Kunststoffpartikel. ​
  • Die Partikel haben eine Größe von 50 bis 500 Mikrometer.
Mikroplastiktest: Jacke.
Einige der getesteten Kleidungsstücke
Mikroplastik in den Petrischalen.
So sehen sichtbare herausgewaschene Kleinstpartikel im Labortest aus

21 tonnen pro jahr

Doch was bedeuten diese Zahlen für die Menschen und für Österreich? Wie stark wird die Umwelt durch Mikroplastik verschmutzt? Die folgende Rechnung zeigt die Dimension unseres Analyse-Ergebnisses:

  • ​Der Standardwert für eine Waschmaschine liegt bei 220 Waschzyklen.
  • Mehr als die Hälfte aller weltweit produzierten Textilfasern bestehen heutzutage aus Kunststoff.
  • Pro Haushalt werden somit 110 Waschmaschinen mit Kunststoffwäsche gewaschen.
  • Bei 51 mg herausgewaschener Kunstfaser pro Waschgang ergibt das 5,61 Gramm pro Haushalt und Jahr.

Das klingt zunächst nicht viel. Doch es gibt allein in Österreich rund 3,8 Millionen Haushalte. Folglich landen allein über die Waschmaschinen der Haushalte unglaubliche 21,3 Tonnen Kunststofffasern pro Jahr im Abwasser.

UND WOHIN GELANGT DAS MIKROPLASTIK?

In Österreich landen die Mikroplastikpartikel aus Textilien oder Pflegeprodukten mit dem Abwasser in die Kanalisation. Von dort aus gelangt das Abwasser in die Kläranlagen. Aber ob und wieviele Plastikpartikel von den Kläranlagen aufgehalten werden, hängt von der technischen Ausstattung der jeweiligen Anlage ab. 

in kläranlagen – und Ozeane

In Deutschland hat man eine Studie an 12 Kläranlagen durchgeführt. Danach wurden zwischen 98 und 1.479 Plastikfasern pro Kubikmeter im Abwasser der Anlage gefunden. 

Zwar gehen ExpertInnen davon aus, dass zumindest der Großteil der Mikroplastik-Fracht von den Kläranlagen zurückgehalten wird. Allerdings gelangen trotzdem beträchtliche Mengen über Flüsse in die Ozeane.

Bild:surfrider foundation,USA
Fische fressen Plastik – wir essen Fische
Plastikinsel statt Donauinsel
Wer will schon Urlaub am Plastikstrand?

WAS PASSIERT MIT DEM ABWASSER?

Der Großteil des mikroplastischen Abwassers wird im Klärschlamm gebunden. Ein Kilogramm getrockneter Klärschlamm enthält laut Studien zwischen 1.000 und 20.000 Plastikpartikel. Was mit diesem Klärschlamm passiert, ist je nach Bundesland und Kläranlage unterschiedlich. Über die Hälfte des Klärschlamms wird verbrannt. Aber was passiert mit der anderen Hälfte?

(plastik)DÜNGER AUF ÖSTERREICHS FELDERN?!

43 Prozent des Klärschlamms wird verwertet. Das klingt zunächst gut. Allerdings: Ein Großteil dessen landet als Dünger direkt auf Österreichs Feldern – Mikroplastik inklusive. Von dort aus ist es ein Leichtes, über die geernteten Lebensmittel in den menschlichen Organismus zu gelangen. 

Klärschlamm Felder
Felder werden mit Plastikpartikeln gedüngt

DIE KONSEQUENZEN:

DAS FORDERN WIR GRÜNE

  • ​Plastik als Schadstoff anerkennen: Das österreichische Umweltrecht sieht für die meisten Stoffe, die in das (Ab-)Wasser gelangen können, mehr oder weniger strenge Grenzwerte vor. Für Plastik gibt es allerdings überhaupt keine Grenzwerte und somit de facto keine Gesetz, dass die Einleitung von Plastik in Flüsse und Kanäle einschränkt. Ein Antrag der Grünen, einen entsprechenden Grenzwert zumindest für die kunststoffverarbeitende- und produzierende Industrie zu erarbeiten, wurde von den Regierungsparteien abgelehnt.
  • Filter bei Waschmaschinen: Wir brauchen dringend eine Filter-Technologie bei Waschmaschinen, um Mikropartikel und Fasern im Ablauf zurückzuhalten. Kunststoffteilchen sollten erst gar nicht in die Kanalisation bzw. die Kläranlage kommen. Hier müssen Politik und Medien Druck auf die Hersteller machen! 
  • Aktionsplan: Der Umweltminister muss einen Aktionsplan gegen Mikroplastik entwickeln, um Wissenslücken zu schließen und wirksame Maßnahmen gegen die Mikroplastikverschmutzung zu setzen.
  • Mehr Bewusstsein: Abwasserverbände und Kläranlagenbetreiber müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Es gibt bereits eine Diskussion um die sogenannte 4. Reinigungsstufe bei Kläranlagen, bei der es vor allem um die Entfernung von Medikamentenrückständen, Hormonen und anderen Schadstoffen geht. Die Entfernung von Mikroplastikpartikel aller Größenordnungen sollte in diese Diskussion miteinbezogen werden.
  • Plastik vermeiden: Maßnahmen gegen unnötige Verpackungen, Plastiksackerl und Plastikflaschen.
Aktion Abfall: Weniger ist mehr!
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