Bundesländer
Navigation:
am 21. Dezember 2015

Wir brauchen endlich echte Integrationsmaßnahmen

Alev Korun - Flüchtlinge haben wertvolle berufliche Qualifikationen, die Österreichs Wirtschaft nützen würden – vorausgesetzt, die Regierung investiert endlich in wirksame Integrationsmaßnahmen.

GRÜNER INTEGRATIONSPFAD FÜR  BESSERE INTEGRATION VON FLÜCHTLINGEN

Die Flüchtlinge, die seit Jahresbeginn vermehrt, (auch) nach Österreich kommen, werden das Land mitprägen, wie das übrigens frühere Flüchtlingsgruppen wie z.B. Bosnien-Flüchtlinge auch getan haben (Stichwort Flüchtlingskind & Nationalteamspieler Zlatko Junuzović). Wie diese Veränderung und Prägung ausschaut und ob mehrheitlich zum Positiven, das zu gestalten, liegt als Gesellschaft und als EU in unserer Hand. 

Bis Ende August 2015 waren 65 Prozent der AsylantragstellerInnen aus Syrien, Irak und Afghanistan. Dies alles sind Länder, in den Kriege bzw. langjährige Instabilität und Terror herrschen: das heißt, der Großteil dieser Flüchtlinge wird nicht in absehbarer Zeit in die Heimat zurückgehen können. Verantwortungsvolle Politik ist, der Bevölkerung reinen Wein einzuschenken und klar, nüchtern und transparent zu sagen, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Politik hat diese Veränderungen bestmöglich und zum Vorteil der Gesellschaft zu gestalten. Statt mit dem sichtlich unerfüllbaren Versprechen Kurzzeitasyl – von der Regierung schönfärberisch "Asyl auf Zeit" getauft – der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen, brauchen wir Integrationsmassnahmen vom ersten Tag an.

„Die Regierungsmitglieder sollen endlich ihren Job machen.“
Alev Korun über die Untätigkeit der Regierung in der Flüchtlingsfrage

fünf Maßnahmen für eine sinnvolle Integrationspolitik

  1. Qualifikationen nutzen: Mitgebrachte Berufsausbildungen und Qualifikationen müssen so rasch wie möglich (gleich beim ersten Asylgespräch) durch das dafür personell aufgestockte AMS erhoben werden.
  2. Berufsanerkennungsgesetz einführen: Das von Minister Kurz seit zwei Jahren versprochene Berufsanerkennungsgesetz muss endlich beschlossen werden. 
  3. Deutschkurse für alle: Leistbare Deutschkurse und Berufssprachkurse müssen flächendeckend angeboten werden. 
  4. "Österreich für Neuankömmlinge"-Workshops: Flüchtlinge sollten in Workshops in das Leben hier eingeführt werden.
  5. Burschen- und Männerarbeit: mit Räumen für Auseinandersetzung und Diskussion soll verstärkt werden.
„Es gilt, taxifahrende syrische Ingenieure zu verhindern und stattdessen ihre mitgebrachten Berufsqualifikationen volkswirtschaftlich zu nutzen.“
Alev Korun, Integrationssprecherin

DEr grüne integrationspfad im Detail

1. Qualifikationen erheben ...

Mitgebrachte Berufsausbildungen und Qualifikationen müssen so rasch wie möglich erhoben werden, am besten gleich nach dem ersten Asylgespräch. Dafür brauchen wir ein dauerhaftes System für die Erhebung dieser ausländischen Qualifikationen statt bloß vorübergehende und verstreute uneinheitliche Pilotprojekte wie derzeit. 

Unser Vorschlag: Das Arbeitsmarktservice hält die mitgebrachten Qualifikationen unmittelbar nach dem ersten Asylgespräch festhält. Dafür sollte ein Teil der für die Arbeitsmarktintegration angekündigten 70 Millionen Euro vorgesehen werden.

2. ... und anerkennen

Wir brauchen ein Berufsanerkennungsgesetz wie in Deutschland, das dort seit 2012 in Kraft ist (siehe Infobox).

Hier geht es um Berufsausbildungen und Bildungsabschlüsse, für die Österreich keinen Cent gezahlt hat, die aber nicht wenige Schutzsuchende/Flüchtlinge mitbringen. Diese brachliegen zu lassen wie das seit Jahren passiert, wäre nicht nur fahrlässig, sondern auch volkswirtschaftlich unklug.

Trotz der vielen Ankündigungen in den vergangenen Jahren für raschere Anerkennung mitgebrachter Ausbildungen ist das Einzige, was in diesem Bereich effektiv passiert ist: die Verkürzung der Anerkennungsfrist für akademische Ausbildungen von sechs auf drei Monate.​

Information über das deutsche Gesetz:

Zuvor hatten nur wenige zuwandernde Fachkräfte die Möglichkeit, ihre beruflichen Qualifikationen bewerten zu lassen. Das Gesetz ändert dies und schafft für alle bundesrechtlich geregelten Berufe möglichst einheitliche und transparente Verfahren. So kann die Gleichwertigkeit des ausländischen Berufsabschlusses mit dem deutschen Abschluss ermittelt werden. Dies ist in vielen Berufen Voraussetzung dafür, in diesem Beruf zu arbeiten oder sich selbstständig zu machen. Das Gesetz verbessert damit die Chancen für Menschen, die ihre beruflichen Qualifikationen im Ausland erworben haben, in Deutschland in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten und ermöglicht so eine bessere Arbeitsmarktintegration.
3. ausreichend Sprachkurse anbieten

Es ​müssen flächendeckend leistbare Sprachkurse angeboten werden. Die Tatsache, dass der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF), die zentrale Einrichtung der Regierung zum Deutschlernen, ganze 32 Deutschkurse bundesweit anbietet, ist schlicht unfassbar.

Auf der Homepage des ÖIF steht: "Der Erwerb der deutschen Sprache ist Grundvoraussetzung für eine gelungene Integration. Der ÖIF bietet ein umfangreiches Kursangebot für unterschiedliche Ziel- und Altersgruppen an." Und: "Sprachkurse auf unterschiedlichen Niveaustufen ab Alphabetisierung."

In Tirol, Vorarlberg, der Steiermark und Kärnten hat der ÖIF laut eigenen Angaben keinen einzigen Deutschkurs. In Oberösterreich und Salzburg ganze zwei, wobei einer dieser Kurse verwirrenderweise mit null Stunden angegeben ist.

In Österreich befinden sich derzeit laut Innenministerium 61.200 Schutzsuchende in der Grundversorgung. 65 Prozent davon stammen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan und werden sehr wahrscheinlich länger nicht heimkehren können. Je schneller diese Menschen ​sprachlich, beruflich und wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen, umso geringer werden die Kosten der Grundversorgung und in weiterer Folge der Mindestsicherung sein. Es ist also eine Win-Win-Situation für alle, dass mit Deutschlernen vom ersten Tag an begonnen wird, auch bei AsylwerberInnen. Dazu braucht es aber mehr als 32 Kurse vom Österreichischen Integrationsfonds, der mit Steuergeld und mit EU-Mitteln ausgestattet ist.

Die angekündigten 75 Millionen Euro für Integration sollen –​ erhöht um ebenso hohe EU-Mittel, die abholbar sind –​ in Sprach- und Berufssprachkurse und Berufsanerkennung investiert werden.

Jeder Euro, den wir heute in Berufsanerkennung und Sprache investieren, kommt  doppelt zurück und verhindert höhere Sozialkosten von Menschen, die vom Staat abhängig bleiben, da sie die Sprache nicht können oder nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten können. Die Einschulung von Kinderflüchtlingen sollte –​ wie von Bildungsministerin angekündigt –​ in Regelklassen statt in Ghettoklassen, allerdings mit zusätzlichen Förderstunden, erfolgen.

4. "Österreich für Neuankömmlinge"-Workshops

Sie sollen in modularer Form Alltagshilfe anbieten, um Österreich kennenzulernen, besser miteinander auszukommen, Missverständnisse zu vermeiden und das Zusammenleben zu verbessern.

Inhalt: Do’s & Don’ts, in Österreich übliche Umgangsformen, Was kommt gut an, Was irritiert viele in Österreich?

Aufklärung über Lärm ab 22 Uhr, laut reden oder schreien in öffentlichen Verkehrsmitteln, Mülltrennung, Pünktlichkeit etc. 

Module "Wie schaut das Schulsystem in Österreich aus?"; "Was tut man, wenn man zum Arzt gehen will?"; "Wo gibt es Infos über Gesetze?". 

Bei derzeit kursierenden, pauschalen Annahmen über potenzielle Demokratiedefizite bei Flüchtlingen sollte nicht vergessen werden, dass die meisten dieser Flüchtlinge vor autoritären, undemokratischen Regimen/Herrschern, also vor einem Mangel an Demokratie, geflüchtet sind. Unsere Gesellschaftsordnung ist nicht zuletzt deshalb für sie attraktiv, weil sie Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie bedeutet und lebt. Diese positiven Merkmale von Rechtsstaat, Freiheit und Demokratie sind stark und überzeugend auch und vor allem für Flüchtlinge.

5. Burschen- und Männerarbeit ausbauen

Derzeit besteht der Großteil der Asylwerbenden aus jungen Burschen und Männern. Die sozialen Normen, mit denen sie aufgewachsen sind, unterscheiden sich oft von denen in Österreich. Meinungsfreiheit, Geschlechtergleichheit lernt man nicht bloß auswendig aus Büchern, sondern am besten, wenn es einem vorgelebt wird und man einen Diskussionsraum hat, um Fragen zu stellen, Erlerntes und Gewohntes zu hinterfragen, neue Deutungsmuster und z.B. neue Geschlechterrollen kennenzulernen.

Das Vorzeigeprojekt "Heroes" ("Helden") in Berlin macht genau diese notwendige Burschen- und Männerarbeit mit (auch mehrsprachigen) SozialarbeiterInnen, PsychologInnen und KulturtrainerInnen. Es schafft einen offenen, aber begleiteten Diskussionsraum, in dem Austausch, Hinterfragen von Klischees und starren Rollenbildern möglich wird.

In diesem Sinn brauchen wir einen massiven Ausbau von Burschen- und Männerarbeit; in außerschulischen Workshops, bei Weiterbildungsmaßnahmen, Jugendprojekten, aber auch in Schulen. Statt jungen Männern in einem Tageskurs bloß zu sagen, dass Männer und Frauen in Österreich gleich sind – wie es derzeit von Minister Kurz geplant zu sein scheint –, schlagen wir Diskussionsmodule vor, die eine inhaltliche Auseinandersetzung und Aneignung von Neuem möglich machen. Zum Beispiel durch die Beschäftigung mit dem Frauenwahlrecht, seiner Geschichte und wie es hart erkämpft wurde, würde man viel nachhaltiger das Thema Gleichberechtigung verankern und für Neuankömmlinge auch nachvollziehbar machen.

Möchtest du Flüchtlingen helfen?