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am 28. Juli 2015

Willkommen am Wörthersee

Die Redaktion - "Warum nehmt ihr nicht selbst Flüchtlinge bei euch auf?", werden wir ständig gefragt. Klare Antwort: Doch, tun wir! Zum Beispiel unser Abgeordneter Matthias Köchl. Bei ihm sind Flüchtlinge willkommen – in der Gemeinde und privat.

fünf fragen an matthias köchl

1. Wie wurden die Flüchtlinge in deiner Heimatgemeinde aufgenommen?

Mit einer Welle der Hilfsbereitschaft! Dies obwohl die Überrumpelungstaktik und fehlende Informationspolitik des Innenministeriums uns als Gemeinde völlig überraschte und von allen Parteien in Krumpendorf auch scharf kritisiert wird. Als der erste Bus aus Traiskirchen ankam, wurden die jungen Männer von 20 Jugendlichen im Dorf mit "Refugees welcome"-Fahnen herzlich begrüßt! In den ersten drei Wochen haben bereits drei Welcome-Konzerte der Zivilgesellschaft stattgefunden. Beim ersten waren über 1.000 Menschen dabei und die Initiative "Lust auf Gerechtigkeit" konnte Spenden für die Flüchtlinge sammeln. Die Gemeinde hat das mit Werbung, unbürokratischer Handhabung sowie dem Veranstaltungsort unterstützt. Bisher haben sich 24 Freiwillige gemeldet, die mit den Flüchtlingen Deutsch lernen wollen.

Matthias Köchl bei der Refugees-Welcome-Party in Krumpendorf

2. Was hast du als Politiker dazu beigetragen?

Von Anfang an habe ich als gewählter Tourimusreferent, als Flüchtlingsreferent, als Kulturreferent und als Verantwortlicher für die Öffentlichen Erholungsanlagen der Gemeinde die Willkommenskultur unterstützt. Als Tourismusreferent beispielsweise mit der Idee "Everybody is welcome!" auf der Anzeigetafel der Gemeinde (siehe Foto oben), die Idee kam von einem örtlichen Tourismusbetrieb. Das gilt für unsere Badegäste, für die Zugereisten und auch für die Kriegsflüchtlinge. Von Anfang an gab es mehrere Besprechungen ALLER fünf Parteien, auch die beiden nicht im Gemeindevorstand vertretenen Parteien FPÖ und NEOS wurden konsequent eingebunden.

Die Gemeindevertretung von Krumpendorf hat in einem Allparteien-Schreiben wortwörtlich festgehalten: "(…) Uns als Gemeindevertretung ist es absolut wichtig zu betonen, dass wir den humanitären Hintergrund mittragen und unser Protest sich ausschließlich gegen die Vorgangsweise und keinesfalls gegen die Menschen selbst richtet (…)."

Die größten Sorgen der Bevölkerung sind hauptsächlich durch fehlende Informationen verursacht. Die Informationspolitik des Innenministeriums ist katastrophal. Zu den BeamtInnen, PolizistInnen und BetreuungsmitarbeiterInnen des Roten Kreuzes und der Fa. ORS vor Ort möchte ich aber ein GROSSES DANKE sagen für die umsichtige und deeskalierende Vorgangsweise. Auch die Kirche und viele Privatpersonen haben ganz ganz wichtige Arbeit geleistet.

Die Spendenaufrufe wurden übrigens so zahlreich in den sozialen Netzwerken geteilt, dass bereits nach zwei Wochen die dafür bereitgestellten Garagen der Gemeinde wegen Überfüllung vorübergehend geschlossen werden mussten. Im öffentlichen Park nahe der Gemeinde haben wir Sitzbänke aufgestellt und die Schutzsuchenden auf unser Gratis-WLAN Angebot für ALLE hingewiesen. Das war wichtig, weil so die Flüchtlinge Kontakt zur Familie aufnehmen können. Wir haben auch Fahrräder gesammelt und so für Mobilität gesorgt. Die Deutschkurse laufen derzeit fast täglich.

Welcome-Party am Wörthersee – und mehr als 1000 Menschen feiern die Menschlichkeit

3. Was hat dich dazu bewogen, selbst Flüchtlinge aufzunehmen?

Meine Frau und ich empfinden Zeltunterkünfte als absolut menschenunwürdig und beschämend für Österreich. Also haben wir einfach ein Zimmer in unserer Wohnung leergeräumt und ein Matratzenlager für zwei Personen eingerichtet. Ohne Vertrag und ohne Zahlungen. Diese Schlafplätze dienen zur gelegentlichen Übernachtung, wir wohnen schließlich 400 Meter neben dem Zeltlager und die Flüchtlinge dürfen sich nur 48 Stunden lang entfernen, sonst fallen sie aus der Grundversorgung.

Gemeinsam ist man weniger allein

4. Woher kommen die Flüchtlinge und was haben sie in ihrer Heimat gemacht?

Wir haben aktuell 240 Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan und einzelne aus Jemen und Gambia in unserer Gemeinde. Krumpendorf am Wörthersee hat 3.400 EinwohnerInnen. Unter den Flüchtlingen finden sich so ziemlich alle Berufsgruppen wieder: Facharbeiter, Tischler, Anwalt, Ingenieur, Jus-Student, Baumeister, Philosophie-Professor – da ist wirklich alles dabei.

5. Wie lebt ihr in der Gemeinde miteinander?

Die anfängliche Anspannung, die nur auf fehlende Informationen zurückzuführen war, hat sich weitgehend gelegt. Wichtig ist, dass niemand parteipolitisch agiert oder zu hetzen beginnt! Auch der örtlichen ÖVP, SPÖ und FPÖ möchte ich für die besonnene und ruhige Vorgangsweise danken. Als Tourismusort hatten wir im ersten Wirbel nur zwei Stornos bei 105.000 Nächtigungen im Jahr. Nur Pressewirbel erzeugt Stornos, die Situation vor Ort ist sicher und entspannt. Sogar italienische Touristen wurden schon für Asylwerber gehalten.

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