Bundesländer
Navigation:
am 15. Dezember 2016

"Wenn am Ende Kunst rauskommt, ok!"

Die Redaktion - Das "Café Vozo Einander" im 4. Wiener Gemeindebezirk ist ein Raum der Begegnung von Flüchtlingen und ÖstereicherInnen. Hier kann man Deutsch lernen – und sehr kreativ werden. Walid Sawan hat die BetreiberInnen des Cafés interviewt.

In der Vorderen Zollamtsstraße war einst die größte Unterkunft für Flüchtlinge in Wien. Bis zu 1200 Menschen waren dort untergebracht. Im "VoZo" gab es auch ein Café der Begegnung: ÖsterreicherInnen und Flüchtlinge haben gemeinsam Kaffee getrunken, Musik gemacht oder sind in Workshops kreativ geworden. Das war im Jahr 2015. Als die Unterkunft im gleichen Jahr jedoch geschlossen wurde, gründete man flugs einen neuen Verein namens „Einander“. Der Verein will den Menschen aus der ehemaligen VoZo helfen, sich aus der passiven Rolle in der Gesellschaft wieder zu emanzipieren und aktiv zu werden. Heute betreibt der gemeinnützige Verein das "Café Vozo Einander" im 4. Wiener Gemeindebezirk. Hier treffen sich jene Menschen, die bereits im alten VoZo mitgemacht haben. Sie alle führen die Projekte von damals weiter.

Verein Einander
Hilfe zur Selbsthilfe für geflüchtete Menschen: Der Verein "Einander"

EINANDER HELFEN

So kommt beispielsweise Imad aus dem Irak regelmäßig ins Café Einander, um Deutsch zu lernen. Der Deutschkurs findet zweimal pro Woche statt. Imad lernt nicht nur viel Grammatik, sondern auch viele Leute kennen. „Hier gibt es viel Unterstützung bei handwerklichen Aktivitäten wie zum Beispiel Tischlern oder Schneidern. Sie helfen einander bei allem,“ sagt Imad.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. So wird aus alten Materialien schnell ein dekoratives Kunstwerk. Arabie zum Beispiel bastelt aus dem Rad eines Fahrrades mit Stoff einen Weihnachtsbaum. „Das kostet nichts und sieht schön aus“, erklärt der junge Mann aus der Westsahara. Und Weihnachtsdeko wird gerade besonders benötigt: Der Verein "Einander" gestaltet aktuell die Weihnachtsdeko der "Popupzentrale" in der Mariahilferstraße 3 ...

Walid Sawan, ein Journalist aus Syrien, der seit 2014 in Wien ist, hat mit den BetreiberInnen des Cafés, Stephan Trimmel und Liliane Kölbel, ein Interview geführt. Auf deutsch.

DAS INTERVIew

Volkshilfezentrum
Rahmani und Ahmad mit ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Café Einander

Walid: Du betreibst das Café VoZo in Wien, in dem kreativ gearbeitet wird. Wie hat man sich das vorzustellen?

Stephan: Wenn wir beispielsweise einen Gestaltungsauftrag haben, spreche ich mit den AuftraggeberInnen darüber, wie sie sich das ungefähr vorstellen. Entscheidend sind dabei die Personen, die bei uns im Projekt mithelfen: Sie frage ich, wie sie es umsetzen wollen. Unser Prinzip ist nicht, zu sagen „mach das“, sondern offene Formulierungen zu finden, um genug Raum für individuelle Kreativität und Interessen zuzulassen. Unsere Rolle als Verein ist es, der Idee eine Unterstützung zu bieten. Jemandem, der etwas umsetzen will, mit Inputs zu helfen. Vor allem Rahmani und Ahmad sind mit dem Café sehr verbunden, weil sie sich sehr für das „VoZo“ engagiert haben [s.o.]. 

Was passiert aktuell?

Stephan: Aktuell gibt es eine Ausstellung ist in der „Popupzentrale“ auf der Mariahilferstraße. Wir wurden gefragt, ob wir die Deko für Weihnachten machen können. Die Menschen werden dabei selbst im Mittelpunkt stehen. Ehemalige BewohnerInnen einer Flüchtlingsunterkunft werden Tee und Kaffee ausschenken. Bei der Gestaltung der Weihnachtsauslage habe ich mich daran erinnert, dass es damals in der „VoZo“ eine Klasse der „Angewandten“ gab. Die haben unterschiedliche Ideen für den Umgang mit Flüchtlingen gesammelt, deren Talente und Blickwinkel erkannt und in handwerkliche Praxis umgesetzt. Da kam Lilly ins Spiel.

Lilly: In der Flüchtlingsunterkunft in der Wiener Landstraße gab es viele Räume und viele Menschen. Aber Raumteiler kosten viel Geld. Deshalb habe ich mich gefragt, wovon es sowieso schon zu viel gibt. Und es gab viele Kleiderspenden, von denen vieles unbrauchbar war. Also haben wir aus geknüpften Fetzen Raumteiler produziert. Es war toll, solche Geflechte zu machen. Auch so etwas gemeinsam zu machen, ist eine super soziale Interaktion.

Gemeinsam mit den Flüchtlingen?

Lilly: Jeder, der wollte, konnte mitmachen. Es ist eine ganz einfache Technik.

Stephan: Entscheidend ist auch, dass es sich um ein kostenloses Produkt handelt. Du nutzt halt alte T-Shirts.

Lilly: Genau. Ich hab überlegt, wie kann ich ein Shirt zu einer Schnur schneiden, ohne, dass etwas verloren geht. Bei kleineren Shirts bekomme ich etwa 20 Meter Stoff, bei großen 40 Meter. Daraus kann man schon etwas machen. Richtiges Upcycling eben! Den Aspekt fand ich besonders interessant.

Stephan: Genauso versuchen wir, in verschiedenen Projekten die individuellen Fähigkeiten und Interessen zu unterstützen: „Willst du was mit Holz, Fahrrädern oder Stoffen machen? Wir helfen dir!“ Andererseits haben wir selbst alle Bock darauf, was Neues zu lernen und Dinge umzusetzen. Und wir wollen eine Öffentlichkeit herstellen. Klar, einerseits für uns als Verein andererseits aber auch für die Fähigkeiten der Leute. Oft starten wir einen Prozess, ohne das Endprodukt zu kennen. Darum geht es uns meist sekundär. In erster Linie wollen wir Interaktionen eröffnen.

Welche Projekte gibt es derzeit im Café?

Stephan: Weihnachtsdeko aus zwei alten Laufrädern zu machen zum Beispiel. Das war Larbis Idee. Hier im Café gibt es auch zweimal in der Woche einen Deutschkurs. Aber es gibt auch eine kleine Holzwerkstatt, einen Bereich zum Nähen, einen Friseurtisch. Hier findet man Möglichkeiten für die Umsetzung der eigenen Ideen. Allein der Raum bietet wahnsinnig viele Möglichkeiten. Wir haben außerdem einen Künstler, der sehr aktiv ist und in den letzten Wochen zahlreiche Bilder gemalt hat, die jetzt unsere Wände schmücken. Der Künstler heißt Rifal und der malt hier seit zwei Wochen. Am Anfang wussten wir nicht viel von ihm, aber jetzt kommt er regelmäßig und zieht sehr viel Aufmerksamkeit mit seinen Werken auf sich. Wir versuchen natürlich, seine Kunst zu vermitteln und ihm einen Ausstellungsbereich zu organisieren. Wir versuchen immer, die Leute an diejenigen zu vermitteln, die es besser können. Wir sind eben keine Galeristen. Jemand mit so einem künstlerischen Talent muss dann zu Profis.

Volkshilfezentrum
Christmas Market im "Popupstore" in der Wiener Mariahilferstraße 3

Gibt es auch Workshops?

Stephan: Es gab zahlreiche Kunstworkshops für Kinder.

Welche Kinder?

Stephan: Hauptsächlich die aus der „VoZo“, und die sind zwischen 7-12 Jahren.

Wie viele Leute sind hier tagtäglich?

Lilly: Meistens sind hier zwischen 7 und 9 Leuten. Wenn wir eine größere Aktion im VoZo haben, sind etwa 15 bis 20 Leute da.

Was war die letzte Aktion?

Stephan: Die Fahrradschau. Da durfte jeder eine Aufgabe übernehmen und seine eigene Geschichte mit dem Fahrrad in Wien erzählen. Hamid zum Beispiel hat ein Video gemacht. Wir nehmen uns ein Thema vor - hier das Fahrrad - und fragen, was dir dazu einfällt. Die einen wollen dann ein Video machen, die anderen logistisch helfen, andere wieder was Handwerkliches tun. Das macht unser Angebot aus. Wenn am Ende Kunst rauskommt, ok! Aber es geht eigentlich viel mehr um die Tätigkeit und das Beisammensein an sich.

Welche Leute hast du auf deinem Weg kennengelernt?

Lilly: Das ist witzig. Ich habe zwar Flüchtlinge kennengelernt, aber gleichzeitig wahnsinnig viele ÖsterreicherInnen, die Bock hatten, etwas gemeinsam zu machen. Die sich eingebracht haben, weil sie so an das Gemeinsame glauben. Und das Positive des Zusammenlebens in den Vordergrund stellen. Ohne, dass ich mich politisch betätige, ist das ein tolles soziales Statement.

Lilly und Stephan, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Walid Sawan

Aktiv  werden.  Das  ist  Grün.  Banner  rechts.