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am 27. Februar 2013

"BuchhändlerIn ist kein Beruf, mit dem man reich wird"

Die Redaktion - Warum BuchhändlerInnen ihren KundInnen AMAZON erklären müssen, eBooks keine Option sind und die Menschen wieder regionaler leben sollten, erzählt die Wiener Buchhändlerin Anna Jeller im Interview.

FRAU JELLER, WAS KANN EINE KLASSISCHE BUCHHANDLUNG, WAS AMAZON NICHT KANN?

Anna Jeller: In einer Buchhandlung stehen zunächst einmal Menschen davor und dahinter – und ein Mensch kann durch einen Rechner nicht ersetzt werden.

WAS TUN SIE, UM MIT IHRER BUCHHANDLUNG ZU BESTEHEN?

Wir sind ein spezialisierter Sortimentsbuchhandel. Das heißt, wir bieten nicht jedes Buch an, sondern suchen unsere Bücher genau aus. Ich kann nur jedem kleinen Buchhändler den Rat geben, sich zu spezialisieren und Nischen zu suchen und das Spezielle am eigenen Geschäft herauszustreichen. Und auf die Beratung von Mensch zu Mensch zu setzen.

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Foto: Jacqueline Godany

SPÜREN SIE PERSÖNLICH DIE AUSWIRKUNGEN DES WACHSENDEN ONLINE-BUCHHANDELS?

Buchhändler können heute nicht mehr einfach sagen: das Buch gibt es und das nicht. Denn die Leute gehen auf die Amazon-Homepage und bekommen suggeriert, dass jedes Buch sofort lieferbar ist. In Wirklichkeit werden viele Bücher über Subanbieter vertrieben, die antiquarische Bücher verkaufen. Wenn Leute aus Österreich dort bestellen, bekommen sie oftmals die Meldung, dass nicht nach Österreich geliefert wird. Sie gehen also zum Buchhändler vor Ort, der findet dieses (antiquarische) Buch nicht in seinem Bestellsystem - und wird dadurch als inkompetent wahrgenommen. Bitter ist es, wenn man dann als Buchhändler dem Kunden auch noch erklären muss, wie das bei Amazon funktioniert.

ABER KÖNNTE AMAZON DEM KLASSISCHEN BUCHGESCHÄFT NICHT AUCH NÜTZEN – quasi ALS eine art VIRTUELLER SHOWROOM, UND GEKAUFT WIRD BEIM BUCHhÄNDLER UM DIE ECKE?

Viele KundInnen nutzen Amazon auch als Informationsquelle. Und es gibt in der Tat einige Buchhändler, die ihr Antiquariat bei Amazon reinstellen. Ich persönlich würde allein schon aus Sorge um meine Daten nicht mit Amazon kooperieren. Und selbst, wenn Amazon eine ganz liebe und gute Firma wären, würde ich das nicht gut finden.

WIE STEHEN SIE ZU EBOOKS?

Ich biete sie in meiner Buchhandlung nicht an, weil ich finde, dass das Angebot nicht ausgereift ist. Es gibt verschiedene eBook-Systeme, und wenn man sich zum Beispiel das Kindle nimmt, ist man abhängig von Amazon. Es ist zum Beispiel schon vorgekommen, dass bei gelöschtem Amazon-Konto auch alle eBooks gelöscht werden, für die der Kunde aber bezahlt hat. Ich möchte meinen Kunden nur das anbieten, von dem ich selbst überzeugt bin.

HAT SICH DAS KUNDINNENVERHALTEN VERÄNDERT?

Schon, aber das hat mit dem Internetzeitalter zu tun. Oft kommen KundInnen in meinen Laden – in der einen Hand das Smartphone, in der anderen Hand ein Buch, das ich ihnen gerade beschrieben habe –, die sofort die Rezensionen googlen. Da frage ich mich, warum solche KundInnen überhaupt in einen Buchladen gehen und sich dann nicht auf die Kompetenz des Buchhändlers verlassen.

WIE IST DIE AKTUELLE SITUATION IN ÖSTERREICH IM KLASSISCHEN BUCHHANDEL?

Die Krise ist eher bei den großen und mittleren Betrieben spürbar. Die kleinen spezialisierten Buchläden sind meiner Meinung nach weniger gefährdet als der Mittelstand, sie haben sogar erfreuliche Zahlen. Aber das ist nur ein Teil des Buchhandels und nicht der ganze. Schlecht ist es für großflächige Buchgeschäfte, denn die können über den Buchverkauf allein die Mieten nicht mehr finanzieren. Buchhändler ist kein Beruf, mit dem man reich wird.

WIE SEHEN SIE DIE ZUKUNFT DES KLASSISCHEN BUCHHANDELS?

Es kommt stark auf den/die KonsumentIn an. Menschen sollten sich angewöhnen, wieder vor Ort zu kaufen, und das meine ich nicht nur in Bezug auf Bücher. Sie sollten sich anschauen, was es lokal so alles gibt und den regionalen Handel unterstützen. Wenn wir in funktionierenden Städten leben wollen, also auch noch in 10, 20, 30 Jahren, dann müssen wir auch etwas dafür tun. Also bei Geschäften kaufen, die hier im Land ihre Steuern zahlen. Man muss dafür sorgen, dass die Wertschöpfung im Lande bleibt. Ich bin überzeugte Europäerin. Aber hier in Österreich werden die Menschen bezahlt, hier haben sie ihre Arbeitsplätze, und das gilt es zu unterstützen – und nicht irgendeinen Großkonzern, der sich in einer Steueroase niederlässt und alle möglichen Schlupflöcher ausnützt. Aber da ist auch die lahme Politik gefordert, die dieses jahrelang zulässt und nichts dagegen tut. Die Politik ist gefordert, endlich zukunftsträchtige Rahmenbedingungen zu schaffen!

Frau Jeller, vielen Dank für das Interview.


Interview: Lina Bibaric