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am 2. Juli 2013

Die Ver­gangen­heit klingt nach

- Die Wiener Philharmoniker sehen sich gerne als die Botschafter Österreichs in der Welt. Umso dramatischer ist deren Umgang mit der Vergangenheit. Es geht uns nicht darum musikalische Exzellenz klein zu reden, sondern eben diese durch einen verantwortungsvollen Umgang zu beschützen!

Die Wiener Philharmoniker genießen in musikalischen Belangen einen ausgezeichneten Ruf, international wie auch national. Mehr als eine Million ZuseherInnen folgten in Österreich der Übertragung, die auch in 80 andere Länder übertragen wurde. Alleine deshalb gelten die Wiener Philharmoniker als "Visitenkarte Österreichs", sind hoch subventioniert und das Neujahrskonzert wird vom ORF als Jahreshighlight vermarktet – die Neujahrsrede des Bundespräsidenten ist dagegen ein Minderheitenprogramm. 

Seit Jahren gibt es eine Diskussion um die Vergangenheit des Orchesters, vor allem während des Nationalsozialismus. Bis zuletzt hielten sich das Orchester und sein Vorstand bedeckt, verweigerten wissenschaftliche Aufarbeitung und versuchte durch Lügen und Täuschung über die dunklen Flecken ihrer Geschichte hinwegzutäuschen. Die Grünen fordern seit Jahren eine unabhängige Kommission, die die noch offenen Bereiche bearbeiten soll – bisher ergebnislos. 

LÜCKEN, VERZERRUNGEN ...

Einige Details der Geschichte der Wiener Philharmoniker sind bekannt, so etwa der überproportional hohe Anteil an NSDAP-Mitgliedern. Einige weitere Aspekte wurden in den letzten 10 Jahren, auch gegen den Widerstand der Wiener Philharmoniker, erforscht: etwa, dass die vielen illegalen Nazis im Orchester im März 1938 die Orchesterleitung von sich aus an sich gerissen haben, es also einen "Selbst"-Anschluss an das NS-Regime gegeben hat; oder etwa die Tatsache, dass es schon vor 1938 einen latenten Antisemitismus im Orchester gegeben hat, wodurch seit 1920 kein einziger jüdischer Musiker aufgenommen wurde. 

Viele Fragen ließen sich aber ohne Einsicht in die internen Aufzeichnungen nicht beantworten. Während andere Betriebe und Institutionen längst unabhängige Stellen mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte betraut haben, blieb bei den Wiener Philharmonikern vieles im Dunklen: Emigration und Flucht von Orchestermitgliedern im Zuge des Anschlusses sind bis heute in vielen Punkten unbearbeitet. Die Wiener Philharmoniker stellten dazu auf ihrer Homepage bis vor kurzem keine Informationen zur Verfügung, erst im März 2013 sah man sich gezwungen dies nachzuholen. Bis dahin wurden Biografien von vertriebenen oder ermordeten Orchestermitgliedern falsch oder fehlerhaft wiedergegeben, sowie immer wieder Mythen über Rückkehrangebote nach 1945 verbreitet. Überhaupt konnten diese bisher nur mit Akten aus anderen Archiven und durch Interviews erstellt werden, die Archive der Wiener Philharmoniker blieben dafür verschlossen! 

Sofern jemand Interesse an der Aufarbeitung äußert, bekommt er/sie vom Philharmoniker-Vorstand und Vereins-Historiker Clemens Hellsberg zu hören, dass zeithistorisch politisch aufschlussreiche Daten "zur Gänze in [s]einem Buch ‚Demokratie der Könige' verarbeitet" wären. Dem ist mitnichten so. 

... und Falsche Angaben

Im Fall des vertriebenen Philharmonikers Leopold Föderl wurde nachgewiesen, dass seitens Hellsberg und der Wiener Philharmoniker "die gesamten Angaben über Exil und Rückkehr inkorrekt sind." 16 Musiker wurden vertrieben, fünf (Moriz Glattauer, Viktor Robitsek, Max Starkmann, Julius Stwertka und Armin Tyroler) wurden in KZs ermordet, Anton Weiss und Paul Fischer starben in Wien direkt im Zusammenhang mit Entlassung und Delogierung. Die millionenfach besuchte Seite der Wiener Philharmoniker hält darüber erst seit März 2013 Information bereit. 

Über den Verbleib und die Provenienzen von Instrumente und Noten, Entnazifizierungen nach 1945, Auszeichnungen die vor 1945 an NS-Granden verliehen wurden usw. gibt es keine Forschung und keine Informationen. Im Dezember 2012 wurde etwa von den Grünen thematisiert, dass der NS-Funktionär (Wiener Reichsstatthalter/Gauleiter) Baldur von Schirach nicht nur 1942 den Ehrenring der Wiener Philharmoniker verliehen bekommen hat, sondern auch nach seiner Entlassung im Jahr 1966(!) ein Duplikat erhalten hat. 

Während viele große österreichische Institutionen und Unternehmen ihre Geschichte aufgearbeitet haben, sei es der Einsatz von ZwangsarbeiterInnen, Expansion durch ‚Arisierungen‘ oder Beteiligung am Holocaust (z.B. ÖBB), fehlt dieser Schritt bei den Philharmonikern zu einem großen Teil. Bei den Wiener Philharmoniker existieren zwar geschichtliche Eckdaten, aber kaum Details oder unabhängige Studien.  

MEHR ALS NUR EIN VEREIN

Die Republik Österreich steht in einem komplizierten Verhältnis zu den Wiener Philharmonikern. Diese sind als Verein organisiert und gänzlich vom Staat unabhängig. Wiener Philharmoniker kann nur werden, wer drei Jahre Mitglied im Staatsopernorchester ist. Die Republik ist also indirekt und über Umweg des Staatsopernorchester bzw. der Bundestheater-Holding auch zuständig für die Wiener Philharmoniker und damit indirekt ein massiver Förderer: 2012 flossen als indexgesicherte Subvention 2,3 Millionen Euro ans Staatsopernorchester. Gleichzeitig hat die Republik jedoch kaum Einblick und keine Kontrolle, was sich insbesondere auch bei der Frage um die Aufnahme von Frauen ins Orchester seit Jahren zeigt.

Reichlich Forschungsbedarf

Die Wiener Philharmoniker sind nicht irgendein Verein, sondern ein wichtiges wirtschaftliches und künstlerisches Aushängeschild Österreichs. Die Republik Österreich hat in Hinblick auf den Nationalsozialismus eine Verantwortung dafür und Interesse daran, die Geschichte seiner Institutionen aufzuarbeiten und richtig darzustellen. Die Republik muss daher die umfassende Aufarbeitung der Orchestergeschichte durch eine Kommission internationaler wie nationaler HistorikerInnen sicherstellen. 

Wir fordern die Aufklärung folgender Punkte:

  • Einzelbiografische Studien zu Mitgliedern des Orchesters
  • verliehene Ehrungen von 1933 bis 1938 und 1938 bis 1945 
  • Provenienzen der Instrumente, Noten etc.
  • Einzelbiografische Studien der Gastdirigenten seit 1933
  • Provenienzforschung im Historischen Archiv
  • Vereinsgeschichte der Philharmoniker ab 1933
  • Prozess der Entnazifizierung des Orchesters nach 1945
  • Aufführungspolitik der Philharmoniker in den Jahren 1938-1945
  • Rezeption der Wiener Philharmoniker von 1938 bis 1945 in nationalsozialistischen Medien
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