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am 3. April

Einkommen: Frauen haben mehr verdient

Berivan Aslan - Auch 20 Jahre nach dem Frauenvolksbegehren bekommen Frauen für ihre Arbeit weniger bezahlt als Männer. Unsere Frauensprecherin Berivan Aslan über neue Maßnahmen zur effektiven Bekämpfung dieser Einkommensunterschiede.

systematische Unterbewertung von Frauenarbeit

Fast 650.000 Österreicher – und vor allem Österreicherinnen – haben im April 1997 das Frauenvolksbegehren unterschrieben. Es beinhaltete elf Forderungen: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit war einer der Punkte, ein Mindesteinkommen von jährlich 15.000 Schilling ein anderer. "Heute, zwanzig Jahre später, wurden nur zwei Forderungen tatsächlich erfüllt: zwei Jahre Karenzgeld auch für alle Alleinerzieherinnen und das Frauen-Pensionsalters ist bis jetzt nicht mehr angehoben worden", sagt unsere Frauensprecherin Berivan Aslan.

„Das größte Problem ist die systematische Unterbewertung von Frauenarbeit.“
Berivan Aslan, Frauensprecherin

GROSSE EINKOMMENSUNTERSCHIEDE

Seit Jahrzehnten ist die Politik damit beschäftigt, die immer noch sehr großen Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern zu ändern. Das Österreichische Gleichbehandlungsgesetz verbietet eine Gehaltsdiskriminierung bei "gleichwertiger Arbeit". Dieses allgemeine Verbot reicht jedoch nicht aus, um InteressensvertreterInnen und Unternehmen wirklich zum Handeln zu bewegen. Und die bisher gesetzten Maßnahmen haben alle nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Der Gender Pay Gap beträgt in Österreich immer noch 21,7 Prozent.

Ein bisher völlig ignorierter Bestandteil der Einkommensdiskriminierung ist die systematische Unterbewertung von Frauenarbeit. Ob in der Pflege, in der Pädagogik, in der Pharmazie oder im Reinigungsbereich. Überall dort, wo Frauen mehrheitlich in Branchen vertreten sind, sinkt der Status und das Einkommen eines Berufs.

Frauen haben für ihre Leistungen und ihre Arbeit mehr verdient. Ein Bündel von Maßnahmen, die bei den Kollektivverträgen ansetzen, würde Frauenlöhne in Österreich effektiv erhöhen und damit auch wesentlich zum Abbau des Gender Pay Gaps beitragen.

Wir Grünen wollen:

  • ein Sozialpartner-Treffen zur Reformierung der Arbeitsbewertung in den Kollektivverträgen.
  • die paritätische Besetzung der Kollektivvertrags-Verhandlungsrunden.
  • die gesetzliche Verpflichtung zur Beseitigung von Diskriminierung bei der Arbeitsbewertung in sämtlichen Kollektivverträgen.
  • die Reform des Zulagen-Systems in den Kollektivverträgen.
  • die vollständige Anerkennung der Familien-, Pflege- und Hospiz-Karenz Zeiten bei den Dienstzeiten.

Frauen haben mehr verdient

Im österreichischen Arbeitsmarkt gibt es immer noch gravierende Missstände: Der Teilzeitanteil bei berufstätigen Frauen ist besonders hoch und die Geschlechterverteilung der Branchen auffallend stark.

Männer in Technik, Frauen in Dienstleistungen

In Österreich sind nicht einmal zwei Prozent der Angestellten im Bereich der Kindergartenbetreuung Männer, andererseits arbeiten sie hauptsächlich im Bereich Technik und Handwerk. Die Geschlechterverteilung bei den Lehrberufen ist seit eh und je typisch: Männer in Technik und Handwerk, Frauen in Dienstleistungen.

Während die in Vollzeit arbeitende Einzelhandelskauffrau auf einen durchschnittlichen Bruttolohn von 2.108 Euro kommt, verdient der Autohändler monatlich 2.953 Euro. Eine Friseurin geht im Schnitt mit 1.401 Euro brutto im Monat nach Hause, in der Metallerzeugung, einem Lehrberuf dem eher Männer nachgehen, bekommt man durchschnittlich 4.188 Euro.​

Geschlechtsspezifische Berufsausbildung

Die traditionelle Ausbildungs- und Berufswahl zieht sich durch alle Ausbildungsebenen:

Häufigste Lehrberufe von Mädchen 2016, insgesamt 35.600 weibliche Lehrlinge (absteigend):

  • Einzelhandel
  • Bürokauffrau
  • Frisörin
  • Köchin
  • Restaurantfachfrau
  • pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin
  • Verwaltungsassistentin
  • Hotel- und Gastgewerbe-Assistentin
  • Metalltechnik
  • Konditorin

Immerhin befindet sich die Metalltechnik seit kurzem unter den Top 10 der Mädchenlehrberufe.

Häufigste Lehrberufe von Buben 2015, rund 72.000 männliche Lehrlinge (absteigend):

  • Metalltechnik
  • Elektrotechnik
  • KFZ-Technik
  • Einzelhandel
  • Installations- und Gebäudetechnik
  • Maurer
  • Tischlerei
  • Koch
  • Mechatronik
  • Informationstechnologie

Aber auch die Ausbildung auf universitärem Niveau läuft immer noch anhand von traditionellen Geschlechterbildern: 2013/2014 waren 76 Prozent der AbsolventInnen von Geisteswissenschaften weiblich, bei den technischen Studien war es nur ein Viertel (26 Prozent).

Die "klassischen Frauenjobs"

Im Jahr 2015 gab es in Österreich 1,75 Millionen unselbstständig erwerbstätige Frauen.

Die meisten Frauen waren in folgenden Berufen tätig: Verkäuferin, Angestellte in Krankenhäusern und Pflegeheimen, Arzthelferin, Büroangestellte, Kellnerin, Zimmermädchen, sonstige touristische Berufe, Kindergartenpädagogin, Kindergartenassistentin, Volksschullehrerin, AHS-Lehrerin.

Vergleichsweise wenig Frauen sind in den häufig genannten Frauenberufen Frisörinnen/Kosmetikerinnen aktiv. (Quelle: Statistik Austria Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2015)

Viele dieser Branchen haben ein geringes Lohnniveau (siehe Tabelle weiter unten).

WIE KANN DAS GEÄNDERT WERDEN?

Der wichtigste politische Ansatzpunkt ist das Kollektivvertragssystem. Die Kollektivverträge setzen für 95 Prozent aller ArbeitnehmerInnen die Mindestgehälter in ihren Branchen fest. Die österreichischen Kollektivverträge nehmen eine Arbeitsbewertung vor, indem sie die Erfordernisse und Belastungen einer Tätigkeit summarisch festlegen, gewichten und bewerten. Der Effekt dieses Systems sind Lohngruppen oder auch Rangfolgen, die gewissen Tätigkeiten einen bestimmten Mindestlohn zuweisen.

Bei diesem Verfahren werden die Anforderungen jedoch nicht aufgelistet, sodass nicht überprüft werden kann, welche Anforderungen berücksichtigt wurden und welche nicht. ExpertInnen kritisieren seit langem, dass viele Arbeitserfordernisse vor allem von frauenspezifischen Tätigkeiten in diesen Arbeitsbewertungen nicht berücksichtigt sind. Versuche, die Arbeitsbewertung in den Kollektivverträgen erneut aufzuschnüren und auf diskriminierende Faktoren hin zu überprüfen scheiterten bisher an dem Unwillen der Sozialpartner.

Die Arbeitsbewertung in den Kollektivverträgen muss auf Auslassungen hin untersucht werden. Möglichst alle Kriterien von Arbeit sollen darin eingebracht werden.

Neben der Arbeitsbewertung gibt es aber noch weitere Diskriminierungen:

  • die Fachabschlüsse in frauendominierten Branchen (z.B. Bekleidungsindustrie) zählen in der Einstufung weniger als Fachabschlüsse in männerdominierten Branchen (z.B. Metaller).
  • das Zulagensystem: in Männerbranchen gibt es mehr Zulagen als in Frauenbranchen.

Die Reform der Arbeitsbewertung würde wesentlich zur Beseitigung der großen Einkommensunterschiede beitragen. Frauen immer nur zu erklären, dass sie das falsche gelernt oder studiert haben, ändert dagegen wenig. Initiativen wie der "Girl's Day", bei dem Mädchen zu technischen Berufen motiviert werden, sind begrüßenswert. Aber: "Frauen sind nicht schuld daran, dass ihre Jobs schlecht bezahlt sind. Das System ist schuld", betont unsere Frauensprecherin.

Einkommensniveau von Männerbranchen
(durchschnittlicher Bruttolohn bei Vollzeit 2015)

Herstellung von Kraftfahrzeugen und Kraftfahrteilen

3.825 €

Energieversorgung

5.216 €

Handel mit Kraftfahrzeugen, KFZ-Mechaniker

2.953 €

Metallerzeugung

4.188 €

Dienstleistungen in der IT-Branche

4.811 €

Einkommensniveau von Frauenbranchen
(durchschnittlicher Bruttolohn bei Vollzeit)

Einzelhandelskauffrau

2.108 €

Gastronomie

1.864 €

Beherbergung

1.939 €

Gesundheitswesen

3.274 €

Angestellte in Heimen

2.895 €

Frisör- und Kosmetiksalons

1.401 €

Gebäudebetreuung und Reinigung

1.818 €

Quelle: Statistik Austria Spezialauswertung, Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung und Lohnsteuer/HV-Daten

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