Bundesländer
Navigation:
am 10. Juli 2014

Endlich Ferien!

- Ferien sind schon etwas Tolles. Was aber, wenn nicht die Frage nach dem Urlaubsort, sondern die der Kinderbetreuung im Vordergrund steht? Familiensprecherin Daniela Musiol und Bildungssprecher Harald Walser über die Grünen Sommerferien.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an die Ferien?

Daniela Musiol: Traktor fahren bei den Großeltern. Die waren damals die Kinderbetreuung, weil der Kindergarten bzw. die Schule zu hatte und meine Eltern nur fünf Wochen – oder damals waren es sogar nur vier Wochen – Urlaub hatten. Das war also die „Landverschickung“ zu den Verwandten. Und es war spannend, so ein Gefährt wie einen Traktor zu lenken, wenn auch nur von einem Strohballen zum nächsten.

Harald Walser: Bei mir war es ganz ähnlich. Ich war immer wochenlang in Südtirol als Kind, weil wir dort Verwandte hatten. Heu, Pferdewägen und heute unvorstellbar: Als Kind hat man dort auch gespritzen Wein bekommen. Ich bin mir sehr erwachsen vorgekommen.

Sie sind selber Eltern. Verglichen mit den eigenen Ferienerlebnissen: Was bedeuten Ferien für Ihre Kinder?

Daniela Musiol: Unsere Kinder sind ja auch schon erwachsen. Da kann man also schon von der Vergangenheit sprechen. Mein Sohn war, je nach Alter, bei verschiedenen Familienmitgliedern, bei den Tiroler Großeltern und in Wien. Jetzt, wo er älter ist, bedeuten Ferien vor allem am Abend fortzugehen und bis Mittag zu schlafen. Chillen, glaub ich, würde er sagen.

Harald Walser: Wir haben eigentlich immer gemeinsam schöne und auch ausgiebige Reisen gemacht. Manchmal ging's auch einfach in den Bregenzer Wald. Die Großeltern waren in der Nähe, da hat sich ein Urlaub also nicht wirklich angeboten. 

„Ferien, die man einmal eingeführt hat, lassen sich nicht mehr so leicht abschaffen.“
Harald Walser, Grüner Bildungssprecher
Grüne Sommerferien Walser

Können Sie das so erklären, dass es auch die Kinder verstehen: Was haben Kaiserin Maria-Theresia und die Energiekrise mit den Ferien zu tun?

Harald Walser: Sehr viel. Die heutigen Ferien gehen auf Maria Theresias Zeiten zurück. Damals haben sich weite Teile der Bevölkerung, viele waren damals Bauern, gegen die Einführung der allgemeinen Schulpflicht gewehrt. Der Kompromiss war, dass man eine Ferienordnung geschaffen hat, die dem bäuerlichen Jahresrhythmus entspricht. Das heißt, dass man die Kinder im Sommer bei der Ernte am Bauernhof hatte und nicht in der Schule.

Die Energieferien wurden dann während der Ölkrise in den 1970er-Jahren eingeführt. Das Öl war knapp und um in den öffentlichen Gebäuden zu sparen, sollte während der kältesten Jahreszeit kurzfristig eine so genannte Energiewoche eingeführt werden. Die Kinder blieben also zuhause und das Gebäude musste nicht beheizt werden. Und wie es halt so ist: Ferien, die man einmal eingeführt hat, lassen sich nicht mehr so leicht abschaffen. Irgendwann wurden die Energieferien dann in Semesterferien umbenannt und die haben wir bis heute.

Warum ist das Ferienkonzept, wie wir es kennen, eigentlich veraltet?

Harald Walser: Pädagogisch gesehen ist es so, dass der Lernrhythmus von Kindern und Jugendlichen im Idealfall in Sechs-Wochen-Rhythmen stattfindet. Nach sechs Wochen gibt es Aufmerksamkeitsdefizite, die Kinder können sich nicht mehr so gut konzentrieren – das gilt übrigens auch noch für Jugendliche – und darauf müsste man eigentlich reagieren. Ideal wäre also: sechs Wochen Unterricht, eine Woche frei, und dann wieder sechs Wochen Unterricht. Ganz grob haben wir so ein System schon. Ungefähr sechs Wochen nach den Sommerferien könnte man problemlos – und wir in Vorarlberg haben das auch – Herbstferien einführen. Dann dauert es in etwa wieder sechs Wochen bis zu den Weihnachtsferien, dann in etwa wieder sechs Wochen bis zu den Semesterferien. Man könnte die Osterferien abschaffen und im Sechs-Wochen-Rhythmus Frühlingsferien einführen. Damit wären wir zirka bei Ende April. Anfang Juni gäbe es dann eine Woche Ferien und Anfang Juli könnten die Sommerferien starten.

Wie ist es denn aus familienpolitischer Sicht: Welche Vorteile hätten geänderte ferienzeiten?

Daniela Musiol: Ein grundsätzliches Problem ist, ist dass sich die Ferien nicht mit den Urlaubsansprüchen der Eltern decken, wenn man von den gängigen fünf Wochen Urlaub ausgeht. Da gibt es also den Bedarf einen Ausgleich zu schaffen. Aus unserer Sicht ist es Aufgabe des Staates dafür zu sorgen, dass die dementsprechenden Öffnungszeiten von Kindergärten, Schulen und Horten hier gewährleistet werden und dass es nicht zu langen Schließzeiten kommt. Bei einem Sechs-Wochen-Rhythmus wäre es aber vielleicht auch leichter, innerhalb der Familie eine Betreuungsmöglichkeit zu finden, als für die lange Zeit von neun Wochen am Stück.

Harald Walser: Ferien müssen nicht unbedingt bedeuten, dass die Kinder in der Schule nicht betreut werden können. Wir müssen zwischen Unterrichtszeit und Betreuungszeit unterscheiden. Ich halte es persönlich für absurd, dass Schulen über den Sommer leer stehen. Wenn ich an die Schule denke, in der ich Direktor war, haben wir dort wunderbare Freizeitanlagen. Diese Anlagen im Sommer zu schließen ist unverantwortlich gegenüber den SteuerzahlerInnen, die dann im Sommer nicht wissen, wohin mit ihren Kindern. Ferien heißt also nicht gleich geschlossene Schule. Die Kinder dort aber nicht von Lehrerinnen und Lehrern betreut, sondern von FreizeitpädagogInnen.


„Bildung beginnt nicht erst in der Schule, sondern schon im Kindergarten.“
Daniela Musiol, Grüne Familiensprecherin
Grüne Sommerferien Musiol

FREIZEITPÄDAGOGINNEN, DIE BEREITS AN MANCHEN GANZTÄGIGEN SCHULEN DIE NACHMITTAGSBETREUUNG DER KINDER ÜBERNEHMEN, UND DANN AUCH IN DER FERIEN DIE KINDER BETREUEN – DA STELLEN SICH ZWEI FRAGEN: WIE VIEL KOSTET DAS? UND WER WIRD ES BEZAHLEN?

Harald Walser: Ich sage prinzipiell: Schule ist ein Angebot des Staates und hat schon aus sozialen Gründen kostenfrei zu sein. Es wird nicht von heute auf morgen in der idealen Form, die wir erreichen wollen, möglich sein. Da wird man Schritt für Schritt arbeiten müssen. Ich darf aber daran erinnern, dass wir in diesem System sehr viel Geld vernichten. Wir haben eines der ineffizientesten und gleichzeitig eines der teuersten Bildungssysteme der Welt. Und ich darf auch dran erinnern, dass wir Milliarden für völlig sinnlose Projekte wie den Brenner-Basistunnel oder den Semmering-Tunnel vernichten – da kommen wir über die Jahrzehnte gerechnet auf etwa 55 Milliarden Euro. Bei der Bildung Bildung haben wir ein gesamtes Jahresbudget für den Unterrichtsbereich, für alle 110.000 Lehrkräfte und alle 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler, von acht Milliarden Euro zur Verfügung. Und genau hier werden wir zusätzliches Geld in die Hand nehmen müssen. Wir brauchen mehr Personal. Volkswirtschaftlich gesehen wird sich das aber wieder rechnen, weil Frauen erstmals eine wirkliche Chance haben, Beruf und Familie zu verbinden, was jetzt nur schwer oder teilweise möglich ist.

Daniela Musiol: Ich darf dich ergänzen, weil du gemeint hast, Schule hat gratis zu sein: Das gilt natürlich auch für die Kindergärten. Es geht darum, dass Bildung ja nicht erst in der Schule beginnt, sondern schon im Kindergarten. Wenn wir hier von Bildungsangeboten reden, dann reden wir von Angeboten für Einjährige bis zu Angeboten auf der Uni, wo der Staat die Verantwortung hat, durch Kostenfreiheit keine weiteren Hürden entstehen zu lassen. 

Kinder haben unterschiedlichste Bedürfnisse. Wer garantiert den Eltern denn eine optimale Betreuung der Kinder während der Ferien oder an freien Tagen?

Harald Walser: Garantieren tut das niemand. Die Ausbildung der FreizeitpädagogInnen ist definitiv ausbaufähig. Die Zugangsbedingungen sind sehr niederschwellig und die Ausbildungsdauer ist mit zwei Semestern sicher nicht so, wie man sie eigentlich erwarten würde. Das Problem muss man sehen und durch laufende Beobachtung, Analyse und Nachbesserung zu lösen versuchen. Das wird aber sicher nicht von heute auf morgen gehen.

Daniela Musiol: Ich hab vor kurzem mit einer australischen Freundin über das Thema gesprochen. Sie meinte, das Tolle an der Ferienbetreuung an der Grundschule, in die ihre Kinder gehen, ist, dass sie im Sommer an denselben Ort gehen können. Das macht einen wesentlichen Unterschied. Bei uns müssen sich die Eltern durch zig Ferien- und Sommerprogramme arbeiten und man hat trotzdem das Problem, dass man die Kinder meistens hinbringen und wieder abholen muss. Der Vorteil einer Ferienbetreuung an der Schule läge aber darin, die Angebote gebündelt an einem Ort zu bekommen, den mein Kind auch kennt. Ich kenne ein Beispiel eines Dorfes in Bayern, wo sich die Gemeinde mit den ehrenamtlichen Vereinen des Ortes zusammengetan hat, um der Abwanderung junger Familien entgegenzusteuern. Sie haben in Kooperation die Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen auf 22 Uhr ausgedehnt. Die Musikschule, die Sportvereine, etc. haben gemeinsam ein Betreuungsprogramm gestaltet. Das ist ein interessantes Modell, über das man einmal diskutieren sollte.

Harald Walser: In diesem Bereich kann man sicher viele Modelle entwickeln. Ich habe an meiner Schule in Vorarlberg mit dem Volleyballclub in Feldkirch kooperiert. Die Eltern hatten ihr Kind gut betreut, die Kinder hatten Spaß und der Volleyballclub hat, wenn er's gut gemacht hat, neue Mitglieder gewinnen können. Und wenn jemand von langen Öffnungszeiten bis 22 Uhr überrascht ist: Ich habe mir Kinderbetreuungseinrichtungen in skandinavischen Ländern angesehen. Da war eine kleine Stadt am Polarkreis dabei, in der es selbstverständlich war, dass es zumindest einen Kindergarten gibt, der 24 Stunden geöffnet hat.

Daniela Musiol: Ein gutes Beispiel ist auch das Projekt „Flying Nannys“. Das Kinderbüro der Uni Wien bietet gemeinsam mit Pädagoginnen und Unternehmen Kinderbetreuung vor Ort, in den Firmen an – vor allem für Fenstertage. Das ist natürlich eine Art „Notfallsmaßnahme“, weil es sonst keine Möglichkeiten gibt. Im Sinne der Chancengerechtigkeit darf man das aber weder davon abhängig machen, ob man in einer Firma arbeitet, die sich so etwas auf das soziale Gewissen schreibt, oder in einer Gemeinde lebt, wo die Leute das Bewusstsein für die Wichtigkeit einer angemessenen Kinderbetreuung haben. Das muss ein Anspruch sein, der für alle Kinder im Land gilt, egal wo sie leben.


Grüne Sommerferien Harals Walser & Daniela Musiol im Interview

WIE KANN DENN DIE FERIENZEIT AM BESTEN OHNE STRESS UND OHNE GROSSEN FINANZIELLEN BETREUUNGSAUFWAND GENOSSEN WERDEN?

Harald Walser: Es gibt ähnliche Angebote, wie die mit dem Volleyballclub, auch von anderen Sportvereinen oder Musikvereinen. Das ist für entsprechend interessierte Kinder durchaus ein attraktives Angebot – zwar nicht immer kostenfrei, aber meistens sehr günstig. Bis wir so weit sind, dass das Grüne Ferienmodell umgesetzt ist, werden wohl noch zwei, drei Jahre vergehen. Bis dahin wird man sich an solchen Möglichkeiten orientieren müssen.

Daniela Musiol: Solange die Politiker in den Gemeinden, in den Ländern und auch auf Bundesebene, nicht so wie wir Grüne finden, dass Eltern einen Anspruch auf optimale Kinderbetreuung haben, kann man die Eltern nur ermutigen, dafür zu kämpfen. Es geht schon! Es ist vielleicht mühsam und eigentlich ist es ein Witz, dass es notwendig ist. Aber so lange es nicht angeboten wird, muss man die Eltern unterstützen und man darf sie auch nicht aus der Verantwortung lassen, hier für ihre Rechte einzustehen. 

Bitte spenden - wir brauchen dich!