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am 27. Jänner 2015

Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen: Zeit zu handeln!

- Eine vergleichende Länderstudie zeigt, dass Gewalt an Frauen mit Behinderungen allgegenwärtig ist. Das Risiko steigt mit dem Grad der Abhängigkeit von anderen Menschen. Bei der Umsetzung der UNO-Behindertenkonvention gibt es noch "irrsinnige Lücken".

Gewalt ist allgegenwärtig

Das Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte (BIM) hat in einer vergleichenden Länderstudie (Deutschland, Großbritannien, Island, Österreich) untersucht, wie Frauen mit Behinderungen Gewalt erleben und welche Unterstützung sie in dieser Situation erhalten. Betroffene Frauen mit Behinderungen und Mitarbeiterinnen von Gewaltschutzeinrichtungen haben Empfehlungen an Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen sowie an die Politik erarbeitet.

Manfred Nowak (Univ.-Prof. für internationales Recht und Menschenrechte an der Universität Wien, Leiter des BIM), Sabine Mandl (Projektleiterin, Frauenrechtsexpertin am BIM), Helene Jarmer (Mitglied des Projektbeirats, Abgeordnete zum Nationalrat) und Gabi Plattner (Mitglied des Projektbeirats, Leiterin des Tiroler Frauenhauses) präsentierten die aktuellen Ergebnisse:

Höheres Gewaltrisiko

Frauen mit Behinderungen sind einem höheren Gewaltrisiko ausgesetzt als nicht-behinderte Frauen. Das gilt besonders, wenn sie von anderen Menschen bzw. Pflegepersonen abhängig sind. Gehörlose und blinde Frauen, Frauen mit Lernschwierigkeiten und Migrantinnen mit Behinderungen sind besonders gefährdet.

Alle für die Studie interviewten Frauen haben physische, psychische, sexualisierte und strukturelle Gewalt sowie Diskriminierung erlebt. Das Spektrum der körperlichen Gewalt reicht von Anrempeln, Bespucken, Ohrfeigen bis zu schweren Formen wie Verprügeln, Tritte, Würgen oder Mordversuche.

Zur Studie

Die Studie ist das Ergebnis eines EU-Projekts, das in insgesamt vier Ländern umgesetzt wurde. Forschungseinrichtungen in Österreich, Deutschland, Island und Großbritannien gingen den Fragen nach, welche Formen von Gewalt Frauen mit Behinderungen erleben und welche Unterstützung für Frauen mit Behinderungen hilfreich wäre.

Die Ergebnisse der Studie sind ab 28.1.2015 auf der ​Projektwebseite zum Download verfügbar. 

„Je größer die Abhängigkeit, desto größer ist die Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden. Und: Die Gewalterfahrungen behinderter Frauen sind immer noch ein tabuisiertes Thema.“
Manfred Nowak, Menschenrechtsexperte und Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte

Österreich war mit seinem im Jahr 1997 in Kraft getretenen Gewaltschutz ein Vorbild für andere Staaten, aber "es gibt irrsinnige Lücken bei der Umsetzung der UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen", sagt Nowak.

"Die Volksanwaltschaft und die von ihr eingesetzten Kommissionen stellen bei Besuchen in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen trotz vieler positiver Bemühungen immer wieder Einschränkungen für Menschen mit Behinderungen, für Frauen mit Behinderungen im Besonderen, fest", so Nowak weiter.

Barrierefreier Zugang zu Unterstützungsangeboten

Nur wenige Frauen mit Behinderungen können Unterstützungsangebote von zum Beispiel Frauenhäusern oder Gewaltschutzzentren nutzen.

„Es gibt eine Vielzahl an Barrieren für Frauen mit Behinderungen. Neben baulichen Barrieren ist oft der Zugang zu Informationen nicht möglich.“
Helene Jarmer, Behindertensprecherin und Mitglied im Forschungsbeirat des Projekts

Dazu kommt, dass die meisten Unterstützungsangebote nicht an die Lebensbedürfnisse der Frauen mit Behinderungen angepasst sind. Dies widerspricht auch dem Artikel 6 der Behindertenrechtskonvention, der die Mehrfachdiskriminierung von Frauen mit Behinderungen anspricht und Maßnahmen zur Stärkung von Autonomie und Selbstbestimmung fordert."

Helene Jarmer erläutert anhand eines simplen Beispiels, woran Unterstützung bereits scheitern kann: Eine von ihr seit Jahren geforderte, rund um die Uhr erreichbare Notruf-Einrichtung für Behinderte existiert nach wie vor nicht, obwohl im Prinzip ohnehin alle dafür sind.

Öffentliche Sensibilisierung nötig

Sabine Mandl, Leiterin der Studie und Frauenrechtsexpertin am BIM, dazu: "Österreich verfügt über gute rechtliche Rahmenbedingungen, trotzdem bleibt noch einiges zu tun. Denn die Ergebnisse zeigen, dass ein gewaltfreies Leben für viele Frauen mit Behinderungen nicht möglich ist. Strukturelle Gewalt und Diskriminierung erlebte und erlebt fast jede in Österreich befragte Frau mit Behinderungen. Allerdings können sich diese Frauen oft nicht wehren oder sind vom Täter oder der Täterin abhängig. Das verschlimmert die Gewaltsituation und macht eine Suche nach Unterstützung oft unmöglich."

Mandl unterstreicht die Notwendigkeit einer verstärkten öffentlichen Diskussion: "Überall dort, wo Frauen mit Behinderungen betroffen sind, müssen sie sich aktiv einbringen und mitentscheiden können. Wichtigstes Ziel ist ein selbstbestimmtes Leben. Dafür müssen zum Beispiel Möglichkeiten der persönlichen Assistenz weiter ausgebaut werden."

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