Wie nahezu alle unabhängigen ExpertInnen treten auch wir Grünen aus guten Gründen gegen die Radhelmpflicht ein. Schon heute liegt die Helmtragequote bei Kindern bei rund 90 Prozent bei steigender Tendenz. Und die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen eindeutig, dass eine RadhelmPFLICHT nicht mehr Verkehrssicherheit bringt, aber viele negative Nebenwirkungen hat und Eltern massive rechtliche Schwierigkeiten einbrocken kann. Viele Länder haben deshalb die Helmpflicht wieder abgeschafft bzw. nach eingehender Untersuchung doch nicht eingeführt.
Für eine Radhelmpflicht in Österreich sind hingegen die finanziell davon profitierende Versicherungswirtschaft, von ihr finanziell abhängige Organisationen - im übrigen mit angreifbaren Zahlen - sowie Populisten wie Erwin Pröll. Dass BM Bures sich auf diese Seite schlägt und sich über die nahezu einstimmig ablehnende Position des von ihr selbst im BMVIT eingerichteten ExpertInnen-Arbeitsgruppe zum Thema Radverkehrs-Sicherheit hinwegsetzt ist ein Rückschlag für seriöse Verkehrssicherheitspolitik.
Besser als Politik aus dem Bauch zu machen wäre es, bei den Fakten zu bleiben: Radfahren ist eine der sichersten Verkehrsformen, nur ein sehr kleiner Teil der Verkehrsunfallopfer im Kindesalter kommt beim Radfahren zu Schaden.
Die Verkehrssicherheit für Kinder ist in Österreich hingegen generell ungenügend.
Dagegen hilft aber kein Helm, sondern es muss bei den Verursachern angesetzt werden. Der Kfz-Verkehr als Unfallursache und Gefährdung Nummer 1 für kleine wie große Radfahrende muss wirksam – zB durch Tempo 30 im Ortsgebiet - eingebremst und dem Radfahren (und Zufußgehen) generell mehr Raum gegeben werden. Dazu Radfahrtrainings in Kindergarten und Volksschule, am besten auch für die Eltern, und positive (! d.h. nicht mit falschen Bedrohlichkeiten operierende) Bewusstseinskampagnen, so werden weniger Radunfälle und mehr Sicherheit erreicht. Populistische Alibimaßnahmen wie die noch dazu kaum kontrollierbare Radhelmpflicht schreiben hingegen die menschenfeindliche Verkehrspolitik fort, in der davon ausgegangen wird, dass Kinder an „Defiziten“ leiden, wenn sie in einer autozentrierten Welt unter die Räder geraten.
Die Entwicklung von Motorik, Wahrnehmung und Sinnen im Kindesalter ist normal und nur aus Lenkradperspektive ein „Defizit“. Das wirkliche Defizit ist, dass Kinder in einer immer kinderfeindlicheren Umgebung aufwachsen müssen. Genau dies kann und muss aber durch kinder- und radfahrfreundliche Regeln und Verhaltensformen im Verkehr geändert werden – eine Radhelmpflicht gehört nicht dazu.
Inhalt:
In Österreich sind im Vorjahr fast 3.000 Kinder (unter 14 Jahren) bei Verkehrsunfällen verunglückt. Die meisten Kinder (rund 40 Prozent) verunglücken dabei als Pkw-Insassen. Weitere 25 Prozent werden beim Zufußgehen Opfer eines Verkehrsunfalls, meist mit Kfz-Beteiligung. Mit dem Fahrrad waren weniger als 20 Prozent der verunglückten Kinder unterwegs, bei den unter 10-Jährigen beträgt der Anteil weniger als zehn Prozent. Der Verkehr muss also dringend kindergerechter werden, wobei bei den Haupt-Unfallursachen angesetzt werden sollte. Schon heute liegt aber die Helmtragequote bei radfahrenden Kindern bei rund 90 Prozent bei steigender Tendenz, das heißt selbst wenn von positiven Effekten des Helmtragens ausgegangen wird kann durch eine Pflicht kaum ein Mehrwert gegenüber der bereits gegebenen Situation ausgelöst werden.
Die Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern und aus Übersee zeigen zudem eindeutig, dass eine RadhelmPFLICHT nicht zu mehr Verkehrssicherheit führt, aber viele negative Nebenwirkungen hat, beispielsweise Menschen zu einer riskanteren Fahrweise verleitet oder viele ganz vom gesunden Radfahren abhält. Wo immer in der Vergangenheit eine Radhelmpflicht eingeführt wurde, wurde damit der Radfahr-Anteil massiv gesenkt und es konnte in keinem Fall eine positive Sicherheitswirkung nachgewiesen werden! Das steht in Übereinstimmung mit der wissenschaftlich belegten Tatsache („Safety in numbers“), dass nicht nur das Radfahren, sondern auch das gesamte Verkehrsgeschehen alle umso sicherer wird, je höher der Rad-Anteil ist.
Viele Länder oder Städte (bis nach Mexico City) haben aufgrund dieser Fakten die Helmpflicht wieder abgeschafft bzw. nach eingehender Untersuchung doch nicht eingeführt, darunter alle in Sachen Verkehrssicherheit und Unfallbilanz vorbildlichen Staaten Europas von Norwegen über Dänemark und die Niederlande bis zur Schweiz.
Besonders zu denken geben sollte das Beispiel Schweden: Hier wurde 2005 eine Helmpflicht für Kinder eingeführt. Der Anteil Helm tragender Kinder unter zehn Jahren in Wohngebieten beträgt dennoch nur 69 Prozent, also weit weniger als heute schon ohne Pflicht in Österreich (2009: 87%), für Kinder, die zur Schule fahren, gar nur 47 Prozent. Die Zahl der Krankenhausaufenthalte nach Radverkehrsunfällen blieb trotz Helmpflicht gleich.
Auch die EU empfiehlt in ihrem neuen Verkehrssicherheits- programm wegen der trotz intensiver Beforschung nicht belegbaren Vorteile explizit keine Radhelmpflicht mehr.

Die Kfz-Haftpflichtversicherer könnten RadfahrerInnen, wenn ihnen sonst keine Schuld an einem Unfall nachweisbar ist, mittels Helmpflicht dennoch "Sorglosigkeit in eigenen Angelegenheiten" – so der rechtliche Fachbegriff – anhängen und so Anspruch auf Schadenersatz kürzen oder gänzlich abwehren. Bei einer Radhelmpflicht für Kinder und/oder Jugendliche drohen zudem den Eltern massive rechtliche Schwierigkeiten: Schon wenn nicht nachzuweisen ist, dass der Helm ordnungsgemäß getragen wurde, können sich Versicherungen finanziell aus Ansprüchen auf Schadenersatz u.ä. davonstehlen.
So wurden laut Unfallstatistik des KfV (!) 2009 974 Kinder von null bis 19 Jahren bei Unfällen als Radfahrer verletzt. Bei null bis 9 Jahren waren es (bei einer Helmtragequote von bereits 80 -90 %!) nur 138. Dennoch soll die Radhelmpflicht für Kinder bis 10 Jahre laut Aussagen von KfV und BM Bures 900 Kopfverletzungen im Jahr vermeiden. Nach dieser Logik müssten bei jedem Kinder-Rad-Unfall sechs bis sieben Kopfverletzungen auftreten ...
Die Motive können in konkreten Fall allerdings in Zweifel gezogen werden, wenn wie vom Leiter des Wiener Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhauses an der Seite von BM Bures die Rolle als besorgter Gott in Weiß gewählt wird, Nebenfunktionen als ÖAMTC-Vizepräsident und OSK-Präsident, also oberster Herr über den österreichischen Motorsport, aber lieber anderswo in den Vordergrund gestellt werden, ebenso wie die Begeisterung für Hochleistungs-SUV & Co bis hin zum chipgetunten eigenen Sport-Pkw für Chefparkplatz und Stadtverkehr.
Auch einzelne Populisten wie Erwin Pröll haben schließlich die Radhelmpflicht als Mission entdeckt, ob nun um sich bei manchen Lenkradfetischisten beliebt machen zu können oder um landesväterlich mit Parteiwerbung verzierte Helme an dankbare WählerInnen verteilen zu können.
Dass BM Bures und die Bundesregierung sich auf dieses Niveau begeben und zB finanzielle Interessen der Versicherungsbranche über das Wohl der Allgemeinheit stellen, ist bedenklich und ein Rückschlag für seriöse Verkehrssicherheitspolitik.
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Die Verkehrssicherheit für Kinder in Österreich ist ungenügend, die Unfallbilanz daher beängstigend. Maßnahmen müssen bei den größten Unfallgefahren für Kinder ansetzen, wie zu hohes Tempo des Kfz-Verkehrs, alkoholisierte Autolenker oder bei Telefonieren am Steuer.
Internationale Erfahrungen und reales österreichisches Unfallgeschehen machen klar, dass eine Radhelmpflicht kontraproduktiv ist und weder zu mehr Verkehrssicherheit für Kinder noch zu weniger Unfällen und Verletzungen führt. Eine Helmpflicht lenkt von den wahren Verkehrssicherheitsproblemen für Kinder und Radfahrende ab und verursacht zusätzlichen Aufwand bei der Exekutive, die im Sinne der Verkehrssicherheit anderswo fehlt.
Verkehrssicherheitsarbeit bezüglich Radfahren sollte vom Grundsatz geleitet sein, dass steigende Anteile von Gehen und Radfahren mehr Verkehrssicherheit bewirken. Oberste Priorität bei der Verkehrssicherheitsarbeit für Radfahren hat daher für uns die Verbesserung der Rahmenbedingungen für das Radfahren, um den Radfahranteil zu erhöhen. Wissenschaftlich begründet ist dieser Ansatz unter anderem durch das Konzept „Safety in Numbers“, das sich mit Empfehlungen z.B. der European Cyclists Federation, Zielsetzungen des österreichischen Masterplans Radverkehr und mit der vorbildlichen Richtlinie „Vision Zero, die – zuerst in Schweden - die mögliche Vermeidung aller tödlichen Verkehrsunfälle zur Zielsetzung macht.
Unter diesem Gesichtspunkt sind Maßnahmen zu wählen, die den Kraftfahrzeugsverkehr in Geschwindigkeit, Menge und Gefährdungspotential reduzieren.
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Verantwortlich für den Inhalt: Dr.in Gabriela Moser, Verkehrs- und Bautensprecherin; Dr. Reinhard Gschöpf, Referent für Verkehr, Tourismus, Post/Telekom, Natur- und Alpenschutz.