Zwischen 1939 und 1945 zogen Millionen junge Männer für Hitler in einen beispiellosen Vernichtungskrieg. Doch nicht alle Männer wollten es ihnen gleichtun und wurden zu Wehrmachts- deserteuren - ein sicheres Todesurteil für mehr als 15.000 Menschen. Um nicht an die Front zu müssen, fügten sich viele Soldaten gar selbst Verletzungen zu.
Wehrmachtsdeserteure und andere Verfolgte der NS-Militärjustiz waren Sand im Getriebe des NS-Systems, deren Justiz mit skrupelloser Härte gegen die jungen WiderstandskämpferInnen - auch Frauen waren, der Beihilfe "schuldig" gesprochen, unter den Verurteilten - vorging. Vermutlich mehr als eine Millionen Gerichtsverfahren führte die Wehrmachtsjustiz durch. Fast ein Prozent davon endete mit dem Todesurteil und betraf damit Tausende. Selbst kleine Delikte wurden oft exorbitant mit hohen Zuchthaus- und Gefängnisstrafen geahndet. Die Härte des Strafvollzugs bedeutete für die Gefangen oft den Tod und es ist erst ansatzweise erforscht, wie viele Soldaten durch die Folgen der Lager oder der Straf- und anderen Sondereinheiten umkamen.
Wer glaubt, dass diese mutigen Menschen, die sich dem Dienst an der Waffe gegen unschuldige Menschen verweigerten, nach 1945 mit hohen Auszeichnungen bedacht wurden, irrt. Weder das offizielle Nachkriegsösterreich noch seine Gesellschaft dankten es den Kriegsverweigerern. Noch über 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren die gegen sie gefällten Urteile aufrecht, die Opfer nicht rehabilitiert. Im Gegenteil: »Feiglinge«, »Verräter« oder gar »Kameradenmörder« waren die Attribute, mit denen die Deserteure bedacht wurden. Lieber pflegte man in Österreich das Gedenken und die Heroisierung jener, die Hitlers Vernichtungskrieg bis zum Ende im Gleichschritt mitgemacht hatten. Dieser unmögliche Zustand veranlasste die meisten überlebenden Deserteure, über ihre Erfahrungen zu schweigen – teils aus Resignation, aber auch aus Scham und aufgrund der Befürchtung, im Nachkriegsösterreich mit Nachteilen konfrontiert zu sein.
1999 führte eine Initiative engagierter StudentInnen, politisch aufgegriffen durch die Grünen, zu einer parlamentarischen Entschließung, die u.a. die historische Aufarbeitung der Verurteilungen von ÖsterreicherInnen durch die NS-Militärgerichtsbarkeit zur Folge hatte.
Um den Forschungsergebnissen und den sich daraus ergebenden Konsequenzen zum Durchbruch zu verhelfen und entsprechenden politischen Druck zu erzeugen, gründete sich im Oktober 2002 das Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«. Es bestand aus Betroffenen sowie UnterstützerInnen aus allen Teilen der Gesellschaft und kämpfte für die politische und (sozial-) rechtliche Rehabilitierung der Opfer der NS-Militärgerichtsbarkeit.
Die Bemühungen des Personenkomitees trugen schließlich zur teilweisen politischen und rechtlichen Rehabilitierung durch das so genannte Annerkennungsgesetz 2005 bei.
Nach 10 Jahre währenden Bemühungen wurde endlich am
7. Oktober 2009 im Justizausschuss das Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz beschlossen - ein großer Tag für die jahrzehntelang ausgegrenzten und diskriminierten Opfer der Wehrmacht-und SS-Gerichte, der Sonder- und Standgerichte, des Volksgerichtshofs und der Erbgesundheitsgerichte. Opfer wie Richard Wadani, Deserteur und Ehrenobmann des Vereins »Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«.
Mehr als zehn Jahre lang haben Andreas Wabl, danach Terezija Stoisits und nun Albert Steinhauser und Harald Walser für die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure, der Wehrkraftzersetzer und anderer vergessener Opfergruppen gekämpft. Ein Ziel, für das es sich gelohnt hat zu kämpfen. Und endlich, 64 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs, mit Erfolg gekrönt wurde.
Bild: Harald Walser, Grüner Bildungssprecher, und NS-Deserteur Richard Wadani lesen (Todes)Urteile des NS-Justiz vor dem Bundeskanzleramt, Wien - dem Ort der Vollstreckung zahlreicher NS-Justizurteile zwischen 1939 und 1945 (woran bislang leider keine Gedenktafel erinnert!).
Wehrmachtsdeserteur und Ehrenobmann des Vereins "Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz" Richard Wadani (hier bei einer Gedenkveranstaltung der Grünen vor dem Bundeskanzleramt Wien) hat jahrelang um Anerkennung in Österreich gekämpft - nun endlich, nach 10 Jahren gemeinsamen Kampf für die Rechte dieser mutigen Menschen, haben die Grünen das Gesetz zur Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure im Parlament erfolgreich durchgesetzt.