Der Finanzskandal bei den Salzburger Festspielen hat seine Wurzeln nicht in der "kriminellen Energie" einzelner Manager, sondern in einem gesellschaftlichen Biotop, das solche Energien regelrecht kultiviert. Von Wolfgang Zinggl
Irgendwann einmal entdeckten gewiefte Tourismusmanager, dass es zu den zahlreichen Kulturaktivitäten auch noch besondere braucht, und stampften Festspiele aus dem Boden. Und weil sich das wirtschaftlich rechnet, geht seither viel Geld aus den Kulturtöpfen in diese Spektakel. In diesen Tagen, da die Staatsanwaltschaft nicht mehr weiß, was sie zuerst prüfen soll, und jede innenpolitische Berichterstattung übervoll ist mit Wirtschaftskrimis und Unschuldsvermutungen, haben auch die Kulturredaktionen Arbeit bekommen. Die Salzburger Festspiele, speckiges Symbol des barocken Österreich, sind mit einem veritablen Betrugsskandal dabei. Wer noch immer glaubt, es ginge dabei nur um die Osterfestspiele, die von den sauberen Sommerfestspielen getrennt werden müssten, hat das Good-Cop-Bad-Cop-Spiel nicht durchschaut.
Freilich, verglichen mit den Hunderten von Millionen, die in seltsamen Kanälen von Flughafen, ÖBB, Buwog oder Hypo Alpe-Adria verschwanden, sind zwei abgezwackte Millionen wenig. Längst sind wir an höhere Dosen gewöhnt. Bei den vergleichsweise knappen Kulturetats lässt sich aber auch gar nicht viel mehr abzocken, und im Verhältnis zum gesamten Kunstbudget ist der Betrag sogar beachtlich, ja geradezu repräsentativ. Mit dem gleichen Geld beispielsweise müssen jedes Jahr 200 regionale Kulturinitiativen zusammen auskommen. Dieses Geld ist jetzt weg. So wie die 1,6 Millionen, die vor fünf Jahren vom Bund den Wörthersee-Festspielen reingeschoben wurden: "für einen künstlerischen Neubeginn". Verwendet wurde der gesamte Betrag dann zur Verlustabdeckung nach Finanzskandalen. Von Kunst keine Rede. Dennoch musste nichts zurückgezahlt werden. Wir haben den Fall mittlerweile vergessen, nur, warum bitte werden die kleinen Institutionen mit ihren Subventionen im Centbereich immer noch bitzelig genau geprüft und gequält - mit einem unverhältnismäßig hohen Bürokratieaufwand, der beinahe deren gesamte Subvention auffrisst? Auch bei den Wirtschaftsexperten, Landeshauptleuten, Bürgermeistern und Holdingchefs in Salzburg erwacht das Interesse frühestens bei sechsstelligen Zahlen. Kein Wunder, dass sie regelmäßige Unregelmäßigkeiten nicht erschnuppern, wiewohl man in Deutschland zu einer schnellen und einfachen Prüfung durchaus in der Lage ist. Womit sich die Akteure allesamt selbst für den Posten eines Schrebergartenvereinskassenwarts disqualifiziert haben.
Was hat die Geschäftsführung, was haben die Kuratorien in den letzten sieben Jahren in ihren Sitzungen eigentlich gemacht? Nur über Leitungsfunktionen diskutiert? Möglicherweise waren ja auch immer genügend finanzielle Reserven da - jedenfalls aber die Gewissheit, dass sämtliche Geldgeber aus Bund, Land und Stadt im Boot sitzen. Beim Zwei-Millionen-Finanzhasard wird es jedenfalls kaum bleiben. Wie sollte eine Buchhaltung plötzlich in zwei Wochen all das lückenlos durchforsten können, was in sieben Jahren nicht möglich war? Und wer wird jemals feststellen, was vor diesen sieben Jahren war? Wo kriminelle Energie ist, meinte der kaufmännische Leiter der Salzburger Festspiele Gerbert Schwaighofer süffisant und ungerührt in einem ORF-Interview, wird sie sich immer bemerkbar machen. Gut gebrüllt, Herr Direktor, aber haben Sie für den kaufmännischen Betrieb nicht die Verantwortung übernommen und was bedeutet eigentlich, für Verantwortung bezahlt zu werden? All das passiert nicht ohne Substrat.
Der Humus, auf dem sich die kriminelle Energie des mittleren Managements entwickeln konnte, leitet sich aus der legeren Einstellung zur Korruption ab. Dieses Kulturmanagement ist nämlich gerade in Salzburg seit Jahrzehnten Zeuge von selbstverständlich gelebter, gesetzlich gedeckter Korruption. Von den Salzburger Festspielen als angeblich notwendige Möglichkeit zur Erhaltung der Sponsorenleistung gefordert, haben die Regierungsparteien das "Anfüttern" wieder zugelassen und schwache Charaktere, die täglich mitbekommen, welche Blüten in diesem "liberalen" Biotop möglich sind, in dem sich Sommer für Sommer die Prominenz der österreichischen Geldfreundschaft zum gelösten Beisammensein vereint, schlagen dann über die Stränge. Die kultivierte Korruption macht das Land zur Korruptionskulturnation. Und die Salzburger Festspiele mit ihrem großspurigen Kunstgetue, mit ihrem Promischick und ihren goldenen Gehsteigen sind ihr Aushängeschild. "Pardon," schrieb der französische Schriftsteller Lautréamont 1869, "mir schien, als hätten sich auf meinem Kopf die Haare gesträubt, aber das hat nichts zu sagen, denn es ist mir sehr leicht gelungen, sie mit der Hand in ihre vorherige Lage zurückzubringen." Na gut. Nach dem ersten Schreck lassen sich die Haare glattstreichen. Aber wie bitte lässt sich der Kopf wieder in eine erhobene Lage bringen?