Wenn es darum geht, Kindern und Jugendlichen ein in Bezug auf Frau und Mann vorurteilsfreies Denken und Handeln zu ermöglichen, nimmt Bildung aus Grüner Sicht eine besondere Verantwortung ein. Die Erfahrungswerte, die Kinder und Jugendliche im Rahmen ihrer Ausbildung mitnehmen, sind hier von zentraler Bedeutung. Geschlechtssensible Erziehung bedeutet, ein vorurteilsfreies Bild von Frau und Mann fernab von antiquierten Rollen-Klischees zu vermitteln. Sie beginnt bereits im Kindergarten und muss im schulischen Bereich fortgesetzt werden.
Inhalt:
DIn allen Bildungseinrichtungen müssen wir noch einen Schritt weiter gehen, wenn es darum geht, ein vorurteilsfreies, von alten Klischees losgelöstes Bild von Frau und Mann zu vermitteln. Besonders Sprachbücher tradieren nach wie vor veraltete Rollenbilder und ein ungleiches Bild zwischen Frau und Mann, sowohl was die Berufsausübung, handwerkliche oder sportliche Fähigkeiten, die soziale Stellung sowie Bildung, Einkommen und Freizeitgestaltung betrifft.
Es ist außerdem mehr auf geschlechtsspezifische Ausgewogenheit bei allen Berufen im Bildungswesen zu achten. Derzeit ist der Anteil zwischen Frauen und Männern bei den unterschiedlichen Berufen im Bildungssystem ungleich verteilt: in Kindergärten und Volksschulen sind überwiegend bis fast ausschließlich Frauen beschäftigt, in allgemeinbildenden und berufsbildenden höheren Schulen gleicht sich der Anteil zwischen Frauen und Männern wieder an und auf den Universitäten lehren überwiegend Männer.
Das Koedukationsprinzip - also der gemeinsame Unterricht mit Buben und Mädchen - hat sich mittlerweile durchgesetzt. Es haben sich dabei aber unterschiedliche Probleme wie die Bevorzugung und einseitige Förderung eines Geschlechts in bestimmten Fächern (z.B. Buben in naturwissenschaftlichen Fächern)herauskristallisiert. Mit diesen Problemfeldern muss bewusster umgegangen werden.
In den nächsten Jahren ist Österreich vor allem gefordert die von der PISA-Studie aufgezeigten geschlechtsspezifischen Leistungsunterschiede wieder anzugleichen. Österreich gehört zu den Ländern, in denen Leistungsunterschiede zwischen Buben und Mädchen von PISA 2000 auf PISA 2003 nicht nur am meisten angestiegen, sondern generell am höchsten sind. Wir haben es hier mit einer stark wachsenden Gruppe männlicher Risikoschüler zu tun.
Zurück
Geschlechtssensible Früherziehung:
Geschlechtssensible Erziehung hat für die Grünen bereits im Kindergarten einen besonders hohen Stellenwert. Umso eher traditionelle Rollenbilder in Frage gestellt werden, desto eher lernen Kinder von klein an, in Bezug auf Frau und Mann vorurteilsfrei zu denken.
Spezielle pädagogische Impulse erleichtern es den Kindern, sich mit Spielzeugen oder Materialien zu beschäftigen, die in den traditionellen Bereich des anderen Geschlechts fallen. Erfahrungen zeigen zum Beispiel, dass Mädchen, die sich gerne mit diversen Konstruktionsmaterialien beschäftigen würden, oft davon abgehalten werden, weil sie sich nicht in die von den Buben dominierte Ecke wagen. Eine gut überlegte Materialauswahl (die Mädchen und Buben gleichermaßen anspricht und fasziniert), kann hier den Zugang erleichtern. Buben wird es vor allem dann "unverfänglicher", sich mit "traditionell weiblichen" Materialien zu beschäftigen, wenn sie diese in ihren Spiel-Räumen vorfinden.
Sensibilisierung ist auch in Bezug auf die Sprache erforderlich. Es ist nicht nur darauf zu achten, frauliche und männliche Formen voll auszusprechen, ebenso können hier ausgewählte Liedertexte und Kinderbücher einen Beitrag leisten.
Da Unbefangenheit besonders in geschlechtsgetrennten Gruppen möglich ist, ist es sinnvoll immer wieder Aktivitäten ausschließlich für Mädchen bzw. Buben anzubieten (z.B. Schachgruppen für Mädchen). Erfahrungen zeigen, dass es dann wieder leichter ist, auf das andere Geschlecht zuzugehen und neue Rollenbilder zu erproben.
Geschlechtssensibler Unterricht:
Das Koedukationsprinzip - also die Mischung der Geschlechter in den Unterrichtseinheiten - ist heute in den meisten Schulen eine Selbstverständlichkeit. Die Grünen wollen dieses Prinzip aufrecht erhalten, fordern aber einen bewussteren Umgang damit. Da sich vielseitige Probleme in gemischten Unterrichtsklassen gezeigt haben (zum Beispiel eine erhöhte Aufmerksamkeit eines bestimmten Geschlechts seitens der Lehrkräfte), treten wir dafür ein, dass die Unterrichtseinheiten nach koedukativ-kritischen Gesichtspunkten immer wieder neu konzipiert und durchdacht werden.
Eine Möglichkeit besteht darin, die Geschlechter in regelmäßigen Abständen "neu zu mischen" bzw. zu trennen. Die zeitweilige Trennung bietet die Möglichkeit, mit den Geschlechtern verbundene Zwänge zu reduzieren. In rein weiblichen bzw. männlichen Gruppen können außerdem solche Zwänge thematisiert und bearbeitet sowie "untypische Verhaltensweisen" erprobt werden. Eine Trennung für bestimmte Unterrichtseinheiten bietet also die Chance, Lernsituationen anzubieten, in denen Buben wie Mädchen Gegenerfahrungen machen können, um anschließend Geschlechterverhältnisse umsichtig und kritisch reflektieren zu können.
Für Mädchen bieten sich Kurse an, in denen sie sich mit ihrem Körper, ihrer Wahrnehmung, ihren Gefühlen und ihren Grenzen beschäftigen wie etwa Tanz-, Theater-, Kunst-, Musik-, Selbstverteidigungs- oder Entspannungskurse. Selbstverständlich muss auch genügend Zeit und Raum für Gespräche über Themen, die Mädchen und junge Frauen stark bewegen, bleiben.
In geschlechtergetrennten Gruppen für Buben bietet sich die Möglichkeit an, den Prozess der "Mannwerdung" zu thematisieren. In entsprechenden Kursangeboten sollen auch Buben Körpererfahrungen sammeln und reflektieren können, wie sie sich in einer geschlechtsgleichen Umgebung wahrnehmen. Dadurch soll ihnen ein anderer Zugang zu ihren Gefühlen eröffnet werden.
Ein generell wichtiger Aspekt ist die Vermittlung eines erweiterten Rollenverständnisses und einer damit verbundenen Unterstützung. Mädchen müssen eher dahingehend unterstützt werden, ihre Ansprüche an Arbeit und Beruf zu artikulieren und durchzusetzen - Buben benötigen Unterstützung bei der Entwicklung einer Orientierung auf Familientätigkeit und Kindererziehung. Sowohl Erwerbs- als auch Erziehungs- und Hausarbeit müssen also in Schule und Unterricht mit einbezogen werden.
Geschlechtssensible Erziehung setzt natürlich voraus, dass alle Schulbücher von veralteten Rollenklischees befreit werden. Nur so können SchülerInnen lernen, in Bezug auf Frau und Mann vorurteilsfrei zu denken und zu handeln.
Aufgrund der von PISA aufgezeigten starken Leistungsunterschiede zwischen Buben und Mädchen (Mädchen haben im Gesamtergebnis der PISA-Studie besser abgeschnitten als Buben) sind Schulen in den nächsten Jahren gefordert, Bubenprojekte zu initiieren. Anzudenken sind hier sowohl neue Inhalte im Unterricht, neue Methoden (z.B. Präsentationsformen wie Powerpoint oder Portfolios) und andere Organisationsformen wie verstärkte Individualisierung.
Zurück
Verantwortlich für den Inhalt: Daniela Musiol, Abgeordnete zum Nationalrat und Familiensprecherin; Anja Fellerer, Bildungsreferentin des Grünen Klubs im Parlament.